Das größte Flüchtlingsdrama spielt sich momentan nicht, wie die erschütternden Fernsehbilder suggerieren, in Jugoslawien ab; auch nicht, wie es vor ein paar Wochen schien, zwischen Italien und Albanien, sondern am Horn von Afrika. Rund 2,3 Millionen Menschen sind in dieser Region auf der Flucht. Die genaue Zahl der Entwurzelten kennt niemand, sie dürfte aber noch größer sein. Denn allein in der sudanesischen Hauptstadt Khartum leben mehr als eine Million sogenannte Binnenvertriebene; und in Äthiopien irren 200 000 Soldaten der geschlagenen Armee durch die Provinzen oder vegetieren in Notlagern dahin.

Vom Sudan nach Uganda oder Äthiopien, von Äthiopien in den Sudan oder nach Somalia, von Somalia nach Äthiopien, Kenia oder Dschibuti; Hunderttausende sind auf der verzweifelten Suche nach Wasser, Brot und Frieden in langen Elendstrecks just in jene Nachbarländer gezogen, die ihre Leidensgefährten wegen des allgegenwärtigen Mangels an Wasser, Brot und Frieden verlassen hatten. Entgegengesetzte Fluchtwege, gleiche Flüchtlingsschicksale.

Zum Beispiel Sudan, "Rettet uns! Simon von Kyrene half Jesus das Kreuz tragen. Ich appelliere an Euch: Seid unser Simon von Kyrene!" Beschwörend wandte sich jüngst der sudanesische Bischof Paride Taban an die Weltöffentlichkeit. Was war geschehen? Flüchtlinge, die vor Jahren aus dem umkämpften Süden des Landes nach Äthiopien geflohen waren, strömten zu Zehntausenden wieder zurück. Der Grund: Nach dem Sturz des äthiopischen Diktators Mengistu versiegten die Hilfsquellen aus der Hauptstadt Addis Abeba. Zudem begannen Marodeure, die Lager zu plündern, die Schutzsuchenden zu vertreiben – in ihre Heimat Sudan.

Welch ein Empfang wurde ihnen dort bereitet! Die Luftwaffe der eigenen Regierung bombardierte sie; das muslimische Regime vermutete christliche Aufständische in den Reihen der Flüchtlinge. Wohin sollten die armen Teufel jetzt fliehen? Zehntausende entschieden sich, wiederum die Grenze in Richtung Äthiopien zu überqueren.

Zum Beispiel Somalia. Auf der Flucht vor dem dortigen Bürgerkrieg sind seit Januar 400 000 Menschen durch die glühende Steppe des Ogaden gewandert. 800 000 Menschen leben in diesem chronischen Notstandsgebiet, 600 000 sind unterernährt, klagt Bashir Sheik Abdi, der oberste Verwalter der Region. Täglich verhungern hundert Menschen, schätzen Hilfsorganisationen. Einer der glücklich im Flüchtlingscamp Dharwanaji Angekommenen sagt: "Wir pendeln zwischen Fegefeuer und Hölle."

Zum Beispiel Äthiopien. Im Zug der 400 000 aus Somalia befanden sich Zehntausende äthiopischer Heimkehrer, die ihrer ethnischen Herkunft nach eigentlich Somalier sind. Sie waren 1977/78 vor dem Krieg zwischen Äthiopien und Somalia oder vor den Säuberungswellen der Mengistu-Schergen geflohen. Der Diktator in Addis Abeba vermutete in ihren Reihen Kollaborateure des Diktators in Mogadischu. Zehn Jahre später entbrannte in Somalia der Bürgerkrieg. Dieses Mal vermuteten die dortigen Rebellen Kollaborateure unter den Flüchtlingen; tatsächlich hat die somalische Regierung immer wieder versucht, Milizionäre aus ihrer Mitte zu rekrutieren. Zum zweiten Mal gerieten die Heimatlosen in die tödlichen Mühlen von Krieg und Terror, zum zweiten Mal flohen sie, vom UNHCR mit dem Etikett returnees versehen.

Äthiopien stehe im "Epizentrum der Massenmigration am Horn von Afrika"; das Land sei "nach Afghanistan der weltweit bedeutendste ‚Exporteur‘ von Flüchtlingen", sagt der Hamburger Afrika-Experte Volker Matthies. Alle denkbaren Motive zur Flucht seien hier gebündelt: Der von aller Welt vergessene oder verdrängte dreißigjährige Bürgerkrieg Afrikas verwüstete das Land, demolierte die Infrastruktur, blutete das Volk aus; junge Männer wurden zwangsrekrutiert oder zum Arbeitsdienst gepreßt, Verdächtige inhaftiert, gefoltert, viele getötet. Das Landvolk verarmte unter den schweren Steuerlasten, Kriegskontributionen, Enteignungen; Zwangsumsiedlungen zerstörten gewachsene Sozialgefüge. Den Teufelskreis schlossen die biblischen Plagen: Dürre, Seuchen, Insekteneinfälle, Hungersnöte.