Von Norbert Kostede

Bremen, im September

Der Senator lächelt mild. "Filzokratie!" – dieser Kampfruf der Opposition bringt einen machtbewußten Bremer Sozialdemokraten nicht aus der Fassung. So schimpft man hier seit Jahrzehnten. Die 45jährige SPD-Herrschaft hat das nie erschüttert. Auch diesmal verstanden es die Gescholtenen wohl eher als gutes Omen für den nächsten Wahlsieg.

Am vergangenen Donnerstag, auf der letzten Bürgerschaftssitzung vor der Landtagswahl am 29. September, stand Senator Henning Scherf im Kreuzfeuer der Kritik. Er war im Vorstand der Hans-Wendt-Stiftung einem betrügerischen Verwaltungsleiter auf den Leim gegangen und hatte so eine neue Breitseite der Regierungsschelte ausgelöst: "Genossenklüngel", "roter Absolutismus", "Arroganz der Macht"...

Demokratie ist die allzeitige Chance zum Machtwechsel. Doch eher fließt in Bremen die Weser rückwärts, als daß die Genossen aus der Regierung stürzen. Was die Sozialdemokraten allenfalls fürchten müssen ist eine rot-grüne oder sozial-liberale Koalition in der Bürgerschaft – wenn sie vom Wähler nicht doch wieder mit einer absoluten Mehrheit versorgt werden. – Wie kommt es zu diesem politischen Übergewicht?

"Das liegt vor allem an der Sozialstruktur", meint Ulrich Nölle, Vorstandsmitglied der Bremer Sparkasse und seit einem halben Jahr Spitzenkandidat der CDU: "Die Arbeiterschaft im Hafen und auf den Werften war die soziale Basis, auf der sich die politische Vorherrschaft der SPD entwickeln konnte. Noch heute ist der Dienstleistungssektor schwächer entwickelt als in anderen Großstädten."

Freilich, an seiner überraschenden Nominierung kann Ulrich Nolle – er galt bislang als FDP-Sympathisant – einen weiteren Grund ablesen, warum die Union in der Hansestadt trotz traditionsreicher Kaufmannschaft nie ein ernsthafter Konkurrent war. Immer fehlten in der Weser-CDU Führungsfiguren, die es mit populären Bürgermeistern vom Schlage Wilhelm Kaisens oder Hans Koschnicks hätten aufnehmen können. So finden sich in der achtköpfigen CDU-Kernmannschaft für die kommende Landtagswahl denn auch vier Seiteneinsteiger.