Von Eckhard Nordhofen

Ludwig Wittgenstein ist schon eine Ausnahmeerscheinung unter den Philosophen. Ein Exzentriker, der manchmal kein Problem darin sah, für seine Reisen bei der Eisenbahn einen Salonwagen zu bestellen, der dann wieder das austeritäre Leben eines armen Schulmeisters führte, der sich in einem Blechnapf ein Gemisch aus Haferflocken und Kakao zusammenrührt.

Fania Pascal, seine Russischlehrerin, fragt ihn einmal rhetorisch: "Wollen Sie denn vollkommen sein?" Die Antwort: "Natürlich will ich vollkommen sein." Nicht nur dieser Satz erinnert an die Bergpredigt, wo es heißt: "Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist."

Während er am "Tractatus logico-philosophicus", seinem berühmtesten und im Grunde einzigen Buch, arbeitet, fleht er um den Beistand des Geistes mit Worten, die an die Ölbergszene in der Passionsgeschichte erinnern. Seine Antipathie gegen das "Schwefeln" (österr. für "schwafeln") und das Ideal mathematischer Schönheit begründen auch die Knappheit und kraftschlüssige Verbindung der "Tractatus"-Sätze. Hier formulierte ein Ingenieur.

Eine besondere Pointe der Rezeptionsgeschichte, die dann folgt, besteht darin, daß dieser auf äußerste Knappheit und auf das Ideal unüberbietbarer Klarheit zielende Text eine solche Flut von widersprüchlicher Sekundärliteratur ausgelöst hat wie sonst vielleicht nur noch Kants "Kritik der reinen Vernunft" oder die Bibel.

Eine Grundidee Wittgensteins war, daß es eine Sprache geben müsse, die die Welt "isomorph", das heißt strukturgleich abbildet, eine Sprache als wahres Bild der Welt. Er meinte, mit seiner Arbeit diese Möglichkeit erschöpfend untersucht zu haben und damit, so schreibt er im Vorwort, "...die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben". Dieser nicht gerade bescheiden klingende, Satz verliert aber seine Wucht, wenn man Tract. 6.62, eine der letzten Nummern des "Tractatus", dagegenhält: "Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort." Auf derselben Seite folgt der letzte, der so oft zitierte Satz: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen."

Paul Engelmann, Wittgensteins Freund, hat für das Unternehmen "Tractatus" ein treffendes Bild gefunden. Wittgenstein zeige den Verlauf einer Grenze auf. Diese sei wie die Umrißlinie einer Insel. Das wichtige sei aber nicht das bißchen feste Land, sondern der Ozean. Dieser "letzte Satz", oft zitiert und doch nicht zu verschleißen, hat die Interpretatoren beflügelt. Die Literatur über den "Tractatus" ist schon kaum mehr zu übersehen. Vor allem stellte sich die Frage: Ist dieses Schweigen ein Schweigen über etwas oder ein Schweigen über nichts?