Wovon spricht hier der, der dann verfügen sollte: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen"? Hans Blumenberg ist einigen Formulierungen des geheimen Tagebuchs nachgegangen. Immer wieder hatte die Erkenntnis schon "auf der Zunge gelegen". In der Nähe des Todes, die Latenz der Offenbarung, Revelatio – wörtlich: "Entschleierung". Erlebnisse von vibrierender Erkenntnis – das erlösende Wort aber – es läßt auf sich warten, bleibt aus, bleibt schließlich ganz aus. Blumenberg: "Man muß annehmen, daß er das, was ihm schon einmal auf der Zunge gelegen hatte, mit dem siebten und letzten Satz des ‚Tractatus‘ sich selber ein für allemal verbieten wollte: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen."

Wittgenstein hat den privaten Teil des Tagebuchs in Geheimschrift geschrieben. Leicht zu entschlüsseln zwar, aber immerhin. Und es sollte, wie die Werke Kafkas eigentlich vernichtet werden. Es ist aber nicht vernichtet worden!

Darf man dergleichen ans Tageslicht ziehen? Verbietet nicht Pietas die Publikation? Ein Tübinger Student der Philosophie und Theologie, Wilhelm Baum, interessiert sich für die mystische Seite des Traktats und stößt auf eine Fußnote des Nachlaßverwalters Georg Henrik von Wright, die eine Tagebuchnotiz zitiert: "Gestern fing ich an, in Tolstois Erläuterungen zu den Evangelien zu lesen. Ein herrliches Werk..." Wilhelm Baum folgt der Spur, doch vergebens. In den Tagebüchern der offiziellen Ausgabe war dieser Hinweis nicht enthalten. Baum vermutet, es müsse noch andere Tagebücher geben, die von der Nachlaßverwaltung zurückgehalten werden. Und er stellt fest, daß es im esoterischen Kreis der Wittgenstein-Gemeinde offenbar Privilegierte gibt, denen die geheimen Tagebücher offenstehen. Rush Rhees, einer der Nachlaßbesitzer, inzwischen verstorben, zitiert in einem Buch vierzehnmal aus unediertem Material.

Das mit Steuergeldern errichtete Wittgenstein-Archiv zu Tübingen – inzwischen nahezu stillgelegt – darf nur mit Erlaubnis der Nachlaßverweser benutzt werden. Wilhelm Baum erwirkt diese Erlaubnis – immerhin. Zusammen mit seiner Frau transkribiert er die verschlüsselten Teile des Tagebuchs.

Sein Buch, das hier anzuzeigen ist, liest sich stellenweise wie ein philologischer Kriminalroman. Schließlich gelingt es ihm, die "Gmundener Notizbücher" zu veröffentlichen. Wo? In einer spanischen Zeitschrift namens Saber. Dort ist der transkribierte Text in der Nr.5/86 erschienen. Nun beginnt ein lächerliches Kapitel Wittgenstein-Rezeption. Photokopien werden in Philosophenkreisen weitergereicht, wie eine Konterbande, gelangen auch zu Hans Blumenberg, der unter dem Titel "Doppelte Buchführung" in der FAZ (25. April 1990) eine kluge Exegese verfaßt.

Nun, anno 1991, sind die geheimen Tagebücher schließlich für jedermann in Buchform zu kaufen. Die Edition, wiederum von Wilhelm Baum besorgt, mit einem Vorwort von Hans Albert versehen, ist aber keineswegs in der offiziellen Wittgenstein-Ausgabe zu finden. Aus der Sicht des Suhrkamp Verlags handelt es sich um einen "Raubdruck". Dabei hat der Verlag, ebenso wie seine englische Entsprechung, viele Vorstöße unternommen, um endlich die Veröffentlichung des Wittgenstein-Nachlasses voranzubringen. Es gibt keinen Zweifel: Die Verantwortung für den schleichenden Skandal um den toten Philosophen trifft die Nachlaßverwaltung allein!

Karl Popper hat schon vor vielen Jahren gehofft, daß Wittgenstein und seinem Nachlaß das Schicksal Nietzsches erspart bleibt, bisher vergeblich. Wilhelm Baums Buch enthält neben den bisher unterdrückten Texten und ihrer abenteuerlichen Geschichte einen Kerntext reiner Theologia negativa, den Text einer Rede, die Wittgenstein 1930 unter dem Titel "Ethik" gehalten hat.