Mißtrauen gegen alte Verbündete und neue Demokraten: Mitterrand droht den Anschluß an die Geschichte zu verlieren

Von Joachim Fritz-Vannahme

Am Sonntag wurde der Teppich für den Citoyen ausgerollt. Zwanzigtausend Bürger traten schier auf der Stelle, bevor sie am Tag der offenen Tür endlich im Elyseepalast Stippvisite machen durften. "Dies ist auch das Haus der Republik", schrieb François Mitterrand seinen Eintagsgästen ins Besucherbuch. Doch am einzigen Tag im Jahr, da es für jedermann zu einem offenen Haus wird, gleicht es mit seinen alten Gobelins und Gemälden doch eher einem Museum: Ruht hier womöglich die Republik?

Am selben Tag wurde im proletarischen Pariser, Norden Volksfest gefeiert. Über 600 000 Franzosen strömten auf die "Fête de l’Humanité", das Fest der kommunistischen Zeitung: Der Kommunismus ist tot, Frankreichs Kommunistische Partei aber lebt. Zumindest wollte ihr Generalsekretär Georges Marchais das glauben machen, bis ihn einige hundert johlende und pfeifende Besucher auf die Wahrheit stießen: "Ihr seid gekommen", beschwichtigte der Kommunistenführer, "um Rockstar Johnny Halliday zu hören. Euern Johnny bekommt ihr um so eher, als ich meine Rede beenden kann ..." Marchais muß der einzige gewesen sein, dem in diesem Augenblick verborgen blieb, daß sein Kommunismus zum Surrealismus geraten war.

Das Elysee ein Museum, die KP ein Mausoleum: Alle reden im Frankreich dieser Tage vom Altern. Keine westliche Demokratie verwahrt ihre Repräsentanten so lange im Schatzkästlein ihrer Institutionen wie die Fünfte Republik. Das Nachrichtenmagazin L’Express errechnete, daß den Mietern im Weißen Haus oder in Downing Street durchschnittlich viereinhalb Jahre an der Macht gewährt werden, im Kanzleramt ist es ein halbes Jahr mehr. Der Mann im Elysee hingegen bringt es im Durchschnitt auf acht Jahre, das sind sechs Monate mehr, als den Mächtigen im Kreml nach Stalins Tod vergönnt war. Mitterrand fand, genau wie Adenauer, den Weg in die große Politik gleich nach dem Krieg. Als Valéry Giscard d’Estaing in Paris Finanzminister wurde, regierte in Washington Kennedy, und als er Jacques Chirac zum Premierminister bestellte, trat in Bonn gerade Willy Brandt ab. Heute hält die Mehrheit der Franzosen einer Umfrage nach ihr politisches Personal für verbraucht: Ob Mitterrand oder Marchais, ob Giscard oder Chirac, Frankreichs Spitzenpolitiker posieren im Gruppenbild vor Ruinen.

"Ich bleibe Kommunist", beschied ein selbstzufrieden lächelnder Marchais neugierige Frager auf dem Fest seiner Parteizeitung. "Ich bin Sozialist", erklärte Mitterrand vergangene Woche auf seiner Pressekonferenz. Er schwärmte vom Sozialismus eines Léon Blum, Charles Fourier oder Blanqui. Von Marx oder Lenin war bei Mitterrand ohnehin kaum je die Rede, seinen Sozialismus wünschte er sich in den Farben der Trikolore.

Von erstaunlicher Beharrlichkeit zeigte sich François Mitterrand auch sonst in seinem Weltbild. In den Golfkrieg trieb ihn die Angst, daß die westlichen Demokratien wie schon 1938 in München vor einem gefährlichen Diktator in die Knie gehen könnten. Der Gedanke an die deutsche Wiedervereinigung schreckte ihn, übrigens nicht anders als seinen großen Vorgänger Charles de Gaulle, zwar nicht weiter: Doch als das Tempo der Wiedervereinigung dann vom unruhigen Volk und nicht von weisen Staatsmännern bestimmt wurde, ging ihm plötzlich alles viel zu schnell. Für die Menschenrechte in Osteuropa plädierte Mitterrand 1984 mutig beim Galadiner im Kreml: Als aber vor einem Jahr die Balten für ihre Freiheit bluten mußten, stellte er Staatsräson und Stabilität in Europa höher und bat den litauischen Parlamentspräsidenten Landsbergis um Geduld gegenüber Gorbatschow.