Heilbronn

Die letzte Bewerbung um den Posten des Heilbronner Oberbürgermeisters traf an einem Mittwoch um 16:18 Uhr auf dem Rathaus ein, zwei Minuten vor Ende der Bewerbungsfrist. Pflichtgemäß notierte der Wahlleiter den Namen: Klaus Rothenburger; den Wohnort: Heilbronn; den Beruf: Handformer; das Alter: 29 Jahre. Handformer Rothenburger erfüllte damit alle Voraussetzungen, die in Baden-Württemberg nötig sind, um Bürgermeister eines Dorfes, aber auch Oberbürgermeister einer Großstadt zu werden. Er war mindestens 25 Jahre alt, Deutscher und bot offenbar die Gewähr, jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten. Das genügt. Rothenburger belegte auf der Kandidatenliste für den Chefsessel von Heilbronn Platz 21.

In keinem anderen Bundesland sind die Anforderungen an das Amt so gering und ist die Machtfülle der Bürgermeister so groß wie in Baden-Württemberg. Die in Volkswahlen gewählten Rathauschefs thronen häufig wie kleine Könige über dem Gemeinderat und hoffen inständig, ihren gutgepolsterten Sessel bis zur Pensionierung nicht mehr räumen zu müssen. Auf das – abgesehen von Bayern – einzigartige, basisdemokratische Modell war man im Südwesten bislang besonders stolz. Doch seit sich zu den ernsthaften Bürgermeisterkandidaten immer mehr Spaßvögel und Selbstdarsteller gesellen, droht der Wahlkampf in vielen Fällen zur Volksbelustigung zu verkommen. Jüngstes Beispiel: Heilbronn.

Von den 21 Bewerbern fielen nur 3 unter die Rubrik "seriöse Kandidaten": der bisherige Amtsinhaber Manfred Weinmann (CDU), sein Herausforderer Friedrich Niethammer (SPD) und der von den Grünen unterstützte Paul-Felix Thiede. Der Rest war bunte Garnierung. Da setzte sich ein Student der Kunsthistorik ebenso auf die Liste wie ein 27jähriges Mannequin, ein Steuerrat a.D. oder auch ein selbsternannter "Menschenrechtler". Natürlich fehlte auch nicht der 61jährige Obsthändler Helmut Palmer, der als Dauerkandidat seit mehr als zwei Jahrzehnten überall antritt, wo es einen Bürgermeisterposten zu besetzen gilt. Schon allein er sorgte für ausreichend Unterhaltung, wenn er bei den öffentlichen Kandidatenvorstellungen seine Tiefschläge gegen Justiz, Beamte und "saftlose" Politiker austeilte. Seine Beschimpfungsorgien gerieten meist zu einer Riesen-Gaudi für das Publikum, und wo er in den Wahlkämpfen auftrat, waren die Hallen gut besetzt.

Daß Palmer zwar die Lacher, selten aber die Wähler auf seiner Seite hat, zeigen dann erst die Stimmzettel. Dennoch kommt der "Rebell aus dem Remstal", wie man ihn liebevoll-abschätzig nennt, bisweilen auf zweistellige Ergebnisse. Seinen größten Bürgermeistererfolg verbuchte Palmer 1974 im Städtchen Schwäbisch-Hall. Dort erreichte er im ersten Wahlgang sogar die relative Mehrheit.

Längst ist Palmer in Baden-Württemberg kein Unikat mehr. Meist schlechtere Kopien ziehen von Bürgermeisterwahl zu Bürgermeisterwahl und empfehlen sich mit dubiosen Versprechungen für den Fall ihrer Wahl. Mindestens eine Handvoll dieser "Freibier-Kandidaten" kennt man inzwischen, und in Heilbronn waren fast alle wieder dabei.

Die in Deutschland rekordverdächtig lange Kandidatenliste wäre sogar noch länger geworden, hätte die bundesweit verbreitete Anzeige einer anonymen "Interessengemeinschaft Heilbronner Bürgerinnen und Bürger" mehr Widerhall gefunden. Per Inserat suchten mit der Politik des bisherigen Amtsinhabers unzufriedene Einwohner Heilbronns nach einer "bürgerlich orientierten Frau mit Erfahrung in Führungsaufgaben, die mit ihrer Kompetenz und ihrem Charme unserer kleinen Großstadt mehr Bedeutung verleiht". Unter der angegebenen Chiffrenummer meldeten sich dann allerdings nur fünf Frauen und zwei Männer. Bis auf eine Bewerberin "alle ungeeignet für diesen Posten", befand der Initiator der Interessengemeinschaft, ein 43jähriger Unternehmer. Die Auserwählte, eine 49jährige Geschichtswissenschaftlerin aus Hessen, zeigte sich schließlich schlecht informiert. Als sie erfuhr, in Baden-Württemberg müsse sich ein werdender Oberbürgermeister dem Volksvotum und nicht, wie in anderen Bundesländern, dem Gemeinderat stellen, zog sie erschrocken zurück.

Doch trotz einer immer größer werdenden Auswahl bleiben die Schwaben wählerisch. Wer einmal Bürgermeister ist, wird, sofern er keine silbernen Löffel stiehlt, nach acht Amtsjahren wieder bestätigt. Auch in Heilbronn darf CDU-Bürgermeister Manfred Weinmann nach der Wahl vom vergangenen Wochenende weiterregieren. Allerdings bescherten ihm die Bürger nicht nur eine sehr geringe Wahlbeteiligung, sondern auch ein denkbar knappes Ergebnis: 50,6 Prozent, gerade 0,6 Prozent mehr als erforderlich. Etwa doch eine Folge der Kandidatenvielfalt?

Aber auch wenn es um die Neubesetzung einer Bürgermeisterstelle geht, hat die Bewerberfülle bisher nicht dazu geführt, daß nun zuhauf Studenten, Obsthändler und andere Menschheitsbeglücker auf den Chefsesseln Platz genommen haben. In der bislang einzigen deutschen Bürgermeisterstudie hat Professor Hans-Georg Wehling, Abteilungsleiter in der Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart, nachgezählt, daß immerhin 84 Prozent aller Amtsinhaber in Baden-Württemberg vor ihrer Wahl einen Beruf in der Verwaltung ausgeübt haben.

Solche Zahlen beruhigen zur Zeit vor allem die Hessen, die das baden-württembergische Bürgermeistermodell demnächst übernehmen. Und auch die Sachsen, die die Reform ihrer Kommunalverfassung vorbereiten, liebäugeln mit der Gemeindeordnung aus dem Südwesten, zumal das Gegenstück aus Nordrhein-Westfalen kaum noch Fürsprecher hat. Dort verheddern sich die doppelköpfigen Stadtverwaltungen mit ihren verwaltenden Oberstadtdirektoren und repräsentierenden Oberbürgermeistern in Kompetenzgerangel. Von den Mehrkosten einer solchen Lösung ganz zu schweigen. Darum kommt eine vom Düsseldorfer Innenministerium in Auftrag gegebene Studie jetzt zu dem Schluß, möglichst schnell eine Kommunalreform einzuleiten. Ministerpräsident Johannes Rau hat schon einmal vorsorglich das Jahr 1991 zum "Jahr der kommunalen Demokratie" erklärt.

Das Spektakel von Heilbronn wird wohl keine abschreckende Wirkung haben. Denn alle Kritiker der basisdemokratischen Volksabstimmung müssen zumindest eines anerkennen: Die oft beklagte Langeweile kommt in einem solchen Bürgermeisterwahlkampf nicht auf. Als sich am 11. September in der Stadthalle "Harmonie" 16 der 21 Bewerber vorstellten, waren die Heilbronner nicht einmal vom Fußball-Länderspiel Deutschland gegen England in ihren Stuben zu halten.

Philipp Maußhardt