Frankfurt

Eine Gruppe junger Männer steht an einer belebten Straßenecke um irgend etwas herum. Passanten treten näher, recken neugierig die Hälse. Auf einem Karton verschiebt einer der Männer drei Nußschalen. Er hebt eine Schale hoch, eine kleine weiße Kugel wird sichtbar. Hundertmarkscheine, längs zwischen den Fingern geknickt, wechseln so schnell die Besitzer wie die Hütchen die Position. Wieder werden die Nußschalen verschoben, hin und her, zack, zack, da ist die Kugel, wo ist die Kugel? Daneben! "Ich hätte richtig getippt", sagt sich der Zuschauer, der genau verfolgen konnte, wo das Stanniolbällchen lag. Schon setzt er einen Hunderter – und verliert.

Szenen solcher Art spielen sich seit Wochen täglich in Berlin, Leipzig, Frankfurt und anderen Großstädten ab. Das Anlocken der Spaziergänger durch das Hin- und Herreichen der Scheine, der vermeintliche Gewinn des eingeweihten Mitspielers, dann der Tip absichtlich aufs falsche Deckelchen – trotz Zeitlupentempos beim Verschieben, alles das gehört zum perfekt inszenierten Hütchen-Nepp auf Gebrauchtwagenmärkten, in Einkaufsstraßen und vor Amüsierbetrieben. Immer wieder fallen Gutgläubige auf die Masche der Straßen-Croupiers herein. Doch Gewinne sind so rar wie Wein auf dem Münchener Oktoberfest.

Bei der Bekämpfung der Straßenplage müssen Staatsanwälte und Polizei Ideenreichtum beweisen. Vorschriften, auf die sich die Ermittler zwischen Flensburg und Freilassing einheitlich stützen könnten, gibt es nicht. Das Hütchenspiel liegt im juristischen Abseits, an das man sich in den Regionen – je nach Auffassung der zuständigen Gerichte – aus verschiedenen Perspektiven herantasten muß.

Der Karlsruher Bundesgerichtshof (BGH) hatte zwar im Januar 1989 einen Frankfurter Fall der Schachtel-Schieberei auf dem Tisch; der mit Spannung erwartete Spruch sorgte indes für weitere Verwirrung statt Klarheit. Ob es sich um ein genehmigungsbedürftiges und damit verbotenes Glücksspiel oder um ein erlaubtes Geschicklichkeitsspiel handelt, sei von den jeweiligen Umständen abhängig, orakelten die Richter. Als Glücksspiel solle der Zock gelten, wenn die Hütchen derart schnell verschoben würden, daß an die Merkfähigkeit und Konzentration der leichtgläubigen Mitspieler "nicht mehr erfüllbare Anforderungen" gestellt seien. Aber wer will diese Anforderungen im Einzelfall hinterher bestimmen?

Die Ermittler sind über das Je-nachdem des BGH unglücklich; sie hatten ein eindeutiges Votum erhofft. Der von Experten als "realitätsfremd" belächelte BGH-Entscheid läßt zudem außer acht, daß es sich bei der Hütchen-Zauberei nach Meinung der Polizei um Betrug handelt. Denn die Hütchen-Schieber halten die Kugeln im entscheidenden Augenblick zwischen den Fingern – derart geschickt, daß es der Investor mit dem guten Glauben an die Spielregeln nicht bemerkt. Et voilà: falsch getippt, den Hunderter verloren! Sollte ein Betrogener den Trick durchschauen, hat er das gleiche zu erwarten wie jemand, der trotz vorhandenen baren Spielkapitals vorzeitig aussteigen will: Die Komplizen des Kugel-Künstlers, die scheinbar zufällig mitspielen, bedrängen und schubsen den Außenseiter, nehmen ihm das Geld ab und laufen in alle Richtungen davon. Manche Opfer haben dabei auch schon Verletzungen davongetragen.

Im Frankfurter Bahnhofsviertel, einer Hochburg der schnellen Kugel, gehen Polizei und Ordnungsamt jetzt konzertiert mit Sonderstreifen gegen die Hütchen-Banden vor. Für diese Einsätze wurden auch die Verwaltungsbeamten mit Schußwaffen ausgerüstet. Wer erwischt wird, hat allerdings lediglich verwaltungsrechtliche Konsequenzen und Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten zu befürchten. Die Einnahmen der Zocker werden beschlagnahmt, und die zumeist aus Jugoslawien und Albanien stammenden Mogelkünstler müssen wegen Verstoßes gegen Straßenrecht und Ausländerrecht mit Geldbußen rechnen. Erst wer beharrlich gegen die Vorschriften verstößt, kann ausgewiesen werden.