Von Karl-Heinz Janßen

Ein Schatz – versunken auf dem Grunde des Meeres wie einst Vineta, verbrannt in den Feuerstürmen des Krieges, vergraben in tiefen Schächten, verschlossen im Hause einer reichen Familie – wer weiß..." So begann im November 1984 ein ZEIT-Dossier "Großfahndung nach dem Bernsteinzimmer". Das kostbarste Juwel des Barock und Rokoko, seit 1945 verschollen, ist noch immer nicht gefunden. Es regt weiter die Phantasie der Menschen an, ein Stoff, wie geschaffen für Theaterstücke, Romane, Filme und Sensationsmeldungen. Die letzte fabrizierte im vorigen Sommer der damalige Innenminister der DDR, Peter Michael Diestel – mit durchschlagendem Publicity-Erfolg.

Aber auf dem Rittergut, wo Diestel das Bernsteinzimmer vermutete, baggerte man lediglich Asche aus einer Kuhle. Das erfahren wir jetzt aus dem Buch des Berliner Publizisten Günter Wermusch, der vorerst letzten Darstellung dieser aufwendigen und nervenaufreibenden Schatzsuche.

Zur raschen Orientierung: Das Bernsteinzimmer war ein Geschenk des preußischen "Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelm I. an Zar Peter den Großen, der sich dafür mit 55 "langen Kerls" für die königliche Leibgarde revanchierte. Die Wandtäfelung wurde von dänischen und ostpreußischen Bernsteinschnitzern geschaffen und von italienischen Hofarchitekten zu einem atemraubend schönen Prunksaal im Katharinenschloß, dem Sommersitz der Zarenfamilie in Zarskoje Selo (Puschkin), vollendet. Dort haben es im Herbst 1941 während der Belagerung Leningrads deutsche Kunstschutzoffiziere "sichergestellt"; völkerrechtswidrig verschleppte man das ausgebaute Kabinett nach Königsberg, wo es von der Verwaltung der preußischen Schlösser und Gärten übernommen und sofort im Schloß zur Schau gestellt wurde.

Zum letztenmal gesehen hat man das Bernsteinzimmer im März 1944; damals ließ der Direktor der Königsberger Kunstsammlungen, Alfred Rohde, das gestohlene Kunstwerk in Kisten verpacken, nachdem es bei einem Brandanschlag gegen eine antikommunistische Propagandaschau durch den Rauch Schaden genommen hatte. Erst im letzten Jahr hat die Witwe eines Oberleutnants der Königsberger Feuerpolizei ausgesagt, das Bernsteinzimmer sei im Sommer 1944 auf Befehl des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch in die Ordensburg Lochstädt an der Bernsteinküste evakuiert worden. Teile von Kunstsammlungen, die dort ebenfalls untergebracht wurden, sind später in Mecklenburg aufgetaucht.

Nach den schweren Luftangriffen auf Königsberg im August 1944, bei denen das Schloß völlig niederbrannte, ließ Rohde seine Berliner Vorgesetzten wissen, das Bernsteinzimmer sei – bis auf sechs Sockelplatten (und wohl auch die 24 Spiegel), die man nicht ausgelagert hatte – erhalten geblieben. Seltsamerweise hat er zur selben Zeit geäußert, alles sei hin. Mußte er, so fragt Wermusch, im Auftrage der Nazi-Partei die Wahrheit, nämlich die abermalige Verschleppung des Bernsteinzimmers vertuschen?

Man weiß, daß hohe Nazis mit dem Gedanken spielten, bei möglichen Friedensverhandlungen im Besitze dieses "achten Weltwunders" (nach heutiger Schätzung 250 Millionen Mark wert) bessere Bedingungen herausschlagen zu können. Ähnlichen Gedankengängen konnte man bis in die achtziger Jahre noch in Bonner und Münchner Amtsstuben begegnen, wo man sich zu den Nachforschungen nach dem Bernsteinzimmer äußerst reserviert verhielt.