Tagelang hat es in Österreich ein neues Spiel gegeben: Wolf suchen. In Tiroler Tälern, auf steirischen Almen, in fast jedem Wiener Winkel hatten ihn Amateurdetektive erspähen wollen. Dann schien die Spur heiß zu werden: Er habe Markus Wolf im Wiener "Café Elles" sitzen sehen, meldete ein Aufklärer.

Tags darauf, Thomas-Bernhard-Protagonist Wolfgang Gasser gab sich als jener "Eiles"-Besucher zu erkennen, hatte der Gesuchte das Gesetz des Handelns an sich gerissen: Mit Hilfe des sozialdemokratischen Staranwaltes Herbert Schachter stellte er einen Asylantrag. Und stürzte damit die Behörden in zusätzliche Verlegenheit.

Die waren bereits unter Beschuß, weil ihnen erst post festum bekanntgeworden war, daß Markus Wolf unter eigenem Namen am 30. August eingereist war. Warum aus Moskau weg? Hauptanlaß dafür dürfte eine Hausdurchsuchung beim Mentor Valentin Falin am Vortag gewesen sein. Warum nach Wien? Da hat er Freunde und Wurzeln (sein Vater schrieb über den Bürgerkrieg 1934), hier befindet er sich in medial wirksamer Nähe zur Bundesrepublik, aber geschützt vor deren Verfolgung: Die österreichischen Gesetze verbieten eine (offiziell nicht begehrte) Auslieferung wegen politischer Spionage.

Freilich: Lang wird Wolf nicht in Wien bleiben. Er wurde zur "unerwünschten Person" erklärt, sein Asylantrag in erster Instanz abgelehnt. Schachter hat aber bereits angekündigt, die vierzehntägige Berufungsfrist auszuschöpfen. Nimmt man eine gründlichere, vermutlich wieder negative Bearbeitung in zweiter Instanz, wird die "österreichische Lösung" klar: Wolf würde – wie jetzt – faktisch unter Hausarrest bis zum 7. Oktober in Wien bleiben, unter freiem Geleit zum Münchner Prozeß fahren, dann aber nicht mehr nach Österreich einreisen können.

Peter Pelinka (Wien)