Von Bartholomäus Grill und Michael Sontheimer

Die Staubwolken, aufgewirbelt von einem Lastwagenkonvoi, senken sich. "Dort, schauen Sie!" ruft der Begleiter und deutet zum Horizont. Tausende von Tukuls, windschiefen Behausungen, von Flüchtlingen zwischen Dornenstauden auf Sand gebaut, zeichnen sich auf dem dürren, unwirtlichen Hochland ab. "Willkommen in Hartishiek", sagt er trocken.

Hartishiek? Ein verschlafenes Nest irgendwo im Norden des Ogaden, vor drei Jahren noch ein blinder Fleck auf der Landkarte Äthiopiens. Heute bezeichnet dieser Name die Hauptstadt auf dem Welt-Flüchtlingsatlas. Der alte Dorfkern wird schon ironisch downtown genannt. Denn ringsum leben fast eine Viertelmillion Menschen, so viele wie in Münster. Der Bürgerkrieg im Nachbarland Somalia hat sie seit 1988 nach Hartishiek getrieben. Das Sammellager gehört inzwischen zu den bevölkerungsreichsten Siedlungen Äthiopiens und ist das weltweit größte Auffanglager, das der United Nations High Commissioner on Refugees (UNHCR), der "Hohe Flüchtlingskommissar" der Vereinten Nationen, so die ungelenke deutsche Übersetzung, unterhält.

Rashid Mohammed, Flüchtlingsvertreter im Lagerkomitee, will auf keinen Fall in seiner aus Decken, Strohmatten, Tierhäuten und Astwerk zusammengeflickten igluartigen Unterkunft bleiben. Noch aber wagt er sich nicht zurück in seine Heimatstadt. "Dort gibt es kein Wasser, keine Nahrung, kein Dach überm Kopf – und überall Tretminen, auf den Feldern, in den Gärten, auf den Marktplätzen." Doch auch über das Flüchtlingscamp führt er bittere Klage. "Seit 1988 erhielten wir kein einziges Kleidungsstück", sagt Rashid Mohammed, "wir frieren, weil wir zuwenig Decken haben. Das Essen füllt unsere Mägen, aber es ist einseitig: immer nur Weizen." Er zeigt auf ein Pflaster an seiner rechten Wange. "Da hat mich neulich ein Dieb angestochen. Er wollte Speiseöl stehlen. Wahrscheinlich hatte er bloß Hunger."

"Wir müssen uns darauf konzentrieren, Leben zu retten", wehrt sich W. Collins Asare gegen die Vorwürfe. Asare arbeitet, fünfzig Kilometer entfernt, im UNHCR-Büro und trägt die Verantwortung für die Versorgung von mehr als 600 000 Menschen in acht Flüchtlings- oder Heimkehrerlagern im Südosten Äthiopiens.

In ganz Abessinien sind 375 schwere und leichte Lastwagen für den UNHCR unterwegs. 18 000 Tonnen Lebensmittel werden pro Monat an 920 000 Flüchtlinge verteilt. Tanklaster transportieren Trinkwasser über Entfernungen von manchmal mehr als hundert Kilometern. Allein Hartishiek braucht täglich eine Million Liter Wasser. In den unwegsamen Ausläufern des Karamara-Gebirges überfallen Banditen und versprengte Haufen der geschlagenen Mengistu-Armee die Hilfskonvois, ermorden oder verschleppen Mitarbeiter der UN-Organisationen. Fünfzig Lastwagen des Hohen Flüchtlingskommissars sind während der Wirren zum Ende des Bürgerkrieges geraubt worden.

Zeitweise waren lebensrettende Operationen ins Stocken geraten. Die UNHCR-Helfer in Addis Abeba hatten zu lange hilflos auf die Entscheidungsschlachten des Bürgerkrieges gestarrt und viel zu spät auf den Flüchtlingsansturm reagiert. Äthiopische Mitarbeiter in den Camps waren abgezogen worden, da sie als Angehörige des zentraläthiopischen Herrschervolkes der Amharen Gefahr liefen, von den siegreichen Rebellen getötet zu werden. Neue Lager mußten in Windeseile aus dem Boden gestampft werden.