Mal eben so, noch vor dem Abflug nach Amerika, um dort kraftstrotzendes und unangekränkeltes Selbstbewußtsein zu demonstrieren, hat Helmut Kohl das geplante Kabinettsrevirement abgewickelt. Wolfgang Schäuble, der Innenminister, soll also am 25. November zum Nachfolger von Alfred Dregger im Amt als CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender gewählt werden. Innenminister wird Kanzleramtschef Rudolf Seiters, dem Friedrich Bohl nachfolgt, der bis jetzt Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion ist. Bohls Stuhl wiederum wird von Jürgen Rüttgers besetzt, mit vierzig Jahren der Jüngste unter den Beförderten. Das Aufstiegsmuster ist vertraut. Wer einmal Erster Geschäftsführer war, hat beste Karrierechancen. Auch Schäuble und Seiters fingen so an.

Kohl folgt mit dem Mini-Revirement seinen eigenen Richtlinien, einer zu Dankbarkeit verpflichtenden, übergroßen Duldsamkeit auch gegenüber Inkompetenten und Unvermögenden am Kabinettstisch, und er befolgt das ungeschriebene Gesetz aller Kanzler, die sich mit großen Verschiebungen in der Regierung immer sehr schwer getan haben. Es ist eben so: Gerade dann, wenn es dringend geboten erscheint, das Kabinett aufzupolieren, weil die Politik farblos wirkt und das Personal ausgelaugt ist, reichen die Kräfte nicht, und es fehlt der Mut, ein Risiko einzugehen.

Allein Wolfgang Schäuble werden, wenn man genauer hinhört, Chancen eingeräumt, sich vom Brotherren Kohl zu emanzipieren. Dem Kanzler ist es bisher geglückt, die 318köpfige Fraktion fest anzuketten – nicht zuletzt dank der Hilfe seiner getreuen Einpeitscher, die später dafür belohnt wurden. Die ohnehin schwerfällige Fraktion wirkt daher noch unselbständiger als die Partei. Viel Murren, wenig Konturen.

Seltsam auch, in welchem Maße – mit der kleinen Ausnahme Schäubles vielleicht – doch letztlich alle vier, um die es jetzt geht, wie typische Produkte aus der Kohl-Factory erscheinen. Oft relativ gallig, wenn nicht giftig im Parlament, aggressiv gegenüber der Opposition, herablassend gegenüber Minderheiten oder denen, die man nicht braucht, stets effektiv. Für den Kanzler zugleich eine beinharte Lobby, die ihn in Untersuchungsausschüssen und anderswo herauspaukt oder ihm auch Schmutzarbeit abnimmt.

Im Kanzleramt übrigens haben Schäuble und Seiters dann ihre Rollen umdefiniert, bei Bohl wird es ähnlich kommen. Plötzlich erlebt man sie als Manager ohne Ecken und Kanten, politisch meistens kaum kenntlich. Das ist ja keine Schande, es verblüfft nur, daß alle diese Rollen und Rollenwechsel so perfekt beherrschen und sich in die Gebrauchsvorlage so brav fügen.

Deshalb, klagen Kritiker in der CDU, entstehe ja gerade der Eindruck, Kohl habe bestenfalls eine effektive, keinesfalls aber eine überzeugende Mannschaft um sich versammelt.

Alfred Dregger mußte vielleicht ein bißchen geschubst werden, es ist schließlich nicht leicht, loszulassen von der Politik oder von Amt und Würden nach so vielen Jahren. Den Gedanken an den Abschied versucht Kohl ihm zu versüßen. Dregger könne doch der Willy Brandt der CDU werden, wird er zitiert. Beim Dezember-Parteitag der CDU in Dresden darf Dregger fünfzehn Minuten reden.

Nun ist Dregger nicht Brandt, das weiß Kohl. Aber er hat den Parteifreund aus Fulda gut brauchen können. Dregger war zu schwach, um Kohl wirklich hineinzupfuschen. Er ist ein Flügelmann für das konservative Lager der Union geblieben, was Kohl nicht unwillkommen war, hat aber klug genug letztlich für Integration gesorgt und auf Eskapaden verzichtet, von ein paar Reden abgesehen. Aber was stören ihn Worte und Reden, den Machtmenschen Helmut Kohl. Gunter Hofmann