Von Jürgen Fuchs

Als ich 1977 unfreiwillig nach West-Berlin kam, ich hatte Haft erlebt in Hohenschönhausen, gut gekleidete Herren und ihre vielfältigen Methoden, lernte ich die Gleichgültigkeit des Westens kennen.

Herausschreien wollte ich, was in Hinterzimmern geschah, was veranstaltet wurde in dieser real existierenden Gesellschaft, die mich und so viele andere ausgestoßen hatte aus Ost-Berlin, Warschau und Prag. Die abstoßenden Einzelheiten berichten wollte ich, es war die Zeit der "Entspannung", der "friedlichen Koexistenz", der KSZE-Vereinbarungen, die Fakten nennen und auch die inneren Landschaften beschreiben. Was angerichtet wurde in den Seelen mit dieser Angstmache, dieser Stasi-Präsenz, diesem Abteilen, Sortieren, Ein- und Ausgrenzen der Menschen. Heimlich und vor aller Augen geschah es ja, wenn wir uns heute ein wenig daran erinnern.

Niemand hinderte mich, meinen Bericht zu geben und zu veröffentlichen: "Warum nicht, wir machen eine Serie. Das Thema ist schon wichtig. In anderen Ecken der Welt passiert auch allerhand. Erschienen ist darüber schon viel. Ob sich drüben etwas ändert, darf bezweifelt werden. Es gibt ja ökonomisch-militärische Sachverhalte. Das kann noch Jahrhunderte so gehen. Vielleicht fühlen sich auch viele wohl in diesen Zwängen, Geborgenheit kann entstehen. Es geht nicht nach dem Willen der Dissidenten, das ist eine verschwindende Minderheit ... tja, leider... Charta 77, Solidarnosc, Initiative Frieden und Menschenrechte, Biermann, Havemann ... sehr sympathische Einzelgänger..."

Solchen Tönen begegnete ich häufig. Und auch dem ungenierten Zusammenarbeiten von Schriftstellerverband Ost und IG-Druck-und-Papier-Verband West, deren Vorsitzende Kant und Engelmann manches daransetzten, die "größten Schreihälse" ins Abseits zu drängen. Ausgerechnet die wichtige Friedensfrage und das "Nicht-Hineinmengen der Menschenrechtsprobleme" war ihr Terrain, angereichert mit geheimdiplomatischen Tricks und öffentlich-jovialen Bekenntnissen zu Demokratie und Humanität. Ich sehe noch Heinrich Böll 1983 in Saarbrücken beim Schriftstellerkongreß am Rednerpult stehen: müde, leise, sogar freundlich versuchte er gemeinsam mit Grass und Lenz, den "großen Schwachsinn" des Ausklammerns der Menschenrechte zu korrigieren und den Verband vor totalitärer Enge zu bewahren. In Polen war das Kriegsrecht verhängt worden, Schriftstellerverband und PEN suspendiert, Solidarität forderte er ein mit den bedrängten Kollegen. Dünner Beifall, eher ein Abwenden im Saal, die "Delegierten" waren peinlich berührt.

Ich gebe zu, daß ich in solchen Augenblicken der Verzweiflung nahe war. Wenn es nicht einmal Böll schafft, wer dann. Einer der ganz wenigen, der dieses Phänomen des "versteinerten Schweigens", des "praktikablen Nichtwissens" und der Gleichgültigkeit, welche die Täter ermutigt, in Romanen und Essays überzeugend analysiert hat, ist Manès Sperber. 1905 in einem jüdischen Städtchen in Ostgalizien geboren, nach Wien gekommen, Schüler des Individualpsychologen Alfred Adler, Mitglied der KP, 1933 in Berlin von den Nazis verhaftet, Flucht nach Paris, unter dem Eindruck der Moskauer Prozesse verläßt er die Partei, flieht vor den anrückenden Deutschen in die Schweiz, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Paris der ständige Wohnsitz. Romane, dreiteilige Autobiographie, Essays, bedeutende Literaturpreise.

Ist die Wahrheit, ist das Schreckliche über Gulag, Stasi-Hinterzimmer, Folter und raffinierte Lüge rigoros anzusprechen? Vor Ort, dort, wo es geschieht, kann nur fortdauernder Terror diese Befreiungstat des Benennens verhindern. Anderswo, weiter weg, im vermeintlich sicheren Westeuropa tauchen plötzlich merkwürdige Hemmnisse auf: Man wolle sich mit den Nachbarn verstehen, nicht nur schlecht über sie sprechen. Man wolle Kooperation, keine Konfrontation. Auch im eigenen Land gibt es Mißstände. Der Sozialismus läßt sich nicht in ein paar Jahren aufbauen, es muß zu Fehlern kommen. Rücksichten auf die Weltlage werden angeführt, auf Diplomatie und "höhere Ziele".