Genosse Draculas unvollendeter "Palast des Volkes" ragt wie die Marmorschnitte eines größenwahnsinnig gewordenen Steinkuchenbäckers auf einem Hügel empor, den schon im zweiten Sommer der Freiheit Steppengras überwuchert; ein paar Soldaten verlieren sich als Wächter dieser Stadtwüste in der Totalen; der Asphalt der Auffahrtsstraße ist zerborsten; noch sticht das gelbliche Monster wie ein Pickel hervor aus der grauschrumpeligen Haut der Kapitale, die zwischen Januar und Juli einen Klimasprung von 25 Grad Frost bis zu 40 Grad Hitze ertragen muß. Doch aus den tausend Fensterhöhlen dort oben quillt nun immer wieder Rauch – als nisteten an Lagerfeuern in den hohen Hallen bereits unsichtbare Nomaden, Eingeborene einer künftigen Zeit.

Die Spuren der jüngst vergangenen Zeit sind im alten Stadtkern, auf dem Platz der Revolution, unübersehbar. Der ehemalige Königspalast, Amtssitz Ceauşescus, steht schwer beschädigt, gegenüber die frühere Universitätsbibliothek ist trotz anhaltender Renovierungsarbeiten noch eine Brandruine. Helmut Britz, Schriftsteller und Chefredakteur der durch Autoren wie Herta Müller, Rolf Bossen, Richard Wagner und Franz Hodjak nahezu berühmt gewordenen rumäniendeutschen Zeitschrift Neue Literatur, sagt: "Alle wissen, daß sich in der Bibliothek die Securitate verschanzt hatte. Aber niemand weiß, warum gerade dort. Es ist umgekehrt wie bei Umberto Ecos ‚Name der Rose’: Das Geheimnis steckt nicht im Buch, sondern in der Bibliothek."

Der Untergrund: versiegelt

Auch die umliegenden Häuser sind zerschossen und ausgebrannt. Fast unmittelbar angrenzend, mit der Front zum Königspalast, gleißt der weiße Beton- und Marmorkoloß des einstigen ZK-Gebäudes, heute Sitz des Senats. Hier, auf dem Balkon überm Eingang, hielt der Diktator seine letzte Rede, bei einer inszenierten Massenveranstaltung, als er vor laufenden Fernsehkameras seine Macht über die Massen verlor; hier ist er am Mittag des 22. Dezember 1989 vom Dach mit dem Hubschrauber geflohen. Aber dieses gefürchtete Herrschaftszentrum ist inmitten der Kämpfe auf geisterhafte Weise von keinem einzigen Schuß versehrt worden.

Ein Mirakel. Und nicht einmal erklärlich für jene wechselnden Gruppen junger Leute, die auf einem Rasenstück vor der ehemaligen Zwingburg kampieren und hungerstreiken, aus Protest gegen Korruption und Konspiration im Gespinst der Ceauşescu-Nachfolger. Sie hocken hier wie ein verlorener Haufe, und unter ihren Füßen die Stadt unter der Stadt, das Labyrinth der Securitate. Doch dieser Untergrund ist längst wieder versiegelt.

Draußen vor der Tür ruhen in Schlaglöchern und im Rinnstein grauschwarz mumifizierte Tierkadaver. Drinnen im ersten Stock eines bröckelnden früheren Herrenhauses die Redaktion der Neuen Literatur. Auf der Toilette liegt als Papier die Karpaten-Rundschau von 1983. In den zwei Redaktionsräumen freilich fallen der Textcomputer und eine neue Photokopieranlage auf. Geschenke der deutschen Regierung. Noch im Jahr 1989 hatte der DDR-Kulturattache für die Neue Literatur Manuskripte geschmuggelt (aber nicht unser Mann aus Bonn!); damals stand der einzige Kopierer für alle rumänischen Schriftsteller im Kulturministerium, und jeder Besitzer einer Schreibmaschine hatte diese nicht nur registrieren zu lassen, sondern mußte einmal im Jahr einen vorgeschriebenen Einheitstext abliefern: auf daß mit Hilfe der Maschinen-Schriftprobe mögliche Flugblätter oder Geheimbotschaften von der Securitate identifiziert werden konnten. Ein in allen Ostblockländern singulärer Einfall.

Seit Juni 1991 verfügen der rumänische Schriftstellerverband und die ihm angeschlossene Neue Literatur über eine moderne Offset-Druckerei, die in zwei Tagen drucken und binden soll, was bisher in unendlich schlechterer Qualität zwei Wochen dauerte. Für die Zeitschriften des Verbandes ist das eine fabelhafte Chance, nur für Bücher fehlt dem Verband und den zumeist noch staatseigenen Verlagen das Papier.