Von Susanne Mayer

Die Fruchtfliege Drosophila ist eines jener Tiere, deren Charme sich selbst das weicheste Herz entzieht. Rotäugig und hektisch wie sie ist, mickrig neben der Hausfliege, farblos im Vergleich zur Schmeißfliege, verwundert es nicht, daß ihre Existenz bisher dem gemeinen Homo sapiens zumeist verborgen geblieben ist. Es mag ihm deshalb eine wirkliche Überraschung sein, daß die Drosophila das Tier auf Erden ist, welches der Mensch im Innersten versteht. So aber ist es, der Entwicklungsbiologie sei Dank.

Siebzig Jahre Drosophila-Forschung hatte die Biologen bereits gelehrt, daß das Drosophila-Weibchen an einem einzigen Tag hundert Eier legt, vierzehn Tage lang. Daß sich aus diesen nur einen halben Millimeter kleinen Eiern innerhalb von zweiundzwanzig Stunden die Larve entwickeln kann, zierlich gegliedert in vorne und hinten, Rücken und Bauch, in Segmenten geringelt und, zur Fortbewegung, mit Zähnchenbändern versehen. Daß sich die Larve, ordentlich verpuppt, innerhalb von dreizehn Tagen, schon wieder zu einer Fliege gemausert hat. So weit, so gut, einige Details mit eingerechnet. Das wirkliche Geheimnis aber, warum aus dem Ei eine Larve wird, enthüllte eine Frau.

Die Biologin Christiane Nüsslein-Volhard hat nachgewiesen, daß der Fliegenembryo, gerade drei Stunden alt, schon auf gut 6000 Zellkerne angewachsen, gewissermaßen eine Ahnung hat, welche der völlig gleich aussehenden Zellen zu Mund oder Bauch werden soll oder sich gar zur Darmanlage einstülpen muß. Der Embryo, so zeigte sie in den achtziger Jahren, ist nämlich mit einem molekularen Vormuster überzogen, das aus Proteinprodukten einzelner Gene besteht und sich biochemisch analysieren läßt. Sie wies nach, daß dieses Vormuster durch nur vier Substanzen angeregt wird, welche die Fliegenmutter ihrem Ei mit auf den Weg gibt – insgesamt also Einsichten, die dem, was man gemeinhin als "das Wunder des Lebens" bezeichnet, schon verdammt nahe kommt.

Christiane Nüsslein-Volhard ist so etwas wie ein Star in der Naturwissenschaft. Sie ist eine von zwei Frauen unter den rund 200 männlichen Direktoren in der Max-Planck-Gesellschaft. Ausgezeichnet von der ehrwürdigen Leopoldina in Halle, erwählt in die noble Royal Society von London. Ehrendoktorin in Princeton und Yale, nun auch in Utrecht. Viel gelobt, heiß begehrt als Beraterin in hohen Gremien, ja, so heißt es, geradezu Mode schon, und da kann es nicht ausbleiben, das hinter vorgehaltener Hand jener magische Name fällt, der des höchsten Preises in Stockholm, als sei er die Blume, die allein noch zu pflücken übrig sei.

Ihr Labor befindet sich in einem Sonnenflecken der Republik, dem Städtchen Tübingen am Neckar. Hoch über dem Turm, in dem einst der arme Hölderlin nächtens Selbstgespräche murmelte, liegen, hingestreckt im hohen Gras, einige flache Häuser. Rotgelbe Markisen werfen fröhliche Schatten. Ein junges Paar sucht den Weg über einen Plattenpfad. "The formula ...", sagt sie leise. Er lächelt. Die beiden halten die Tür auf. "Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie" steht auf dem Schild davor. Im zweiten Stock sitzt die Direktorin, Herrin über 1500 Fliegenstämme, etwa 500 Fischlein der Sorte Zebrabärbling sowie zwölf Mitarbeiter aus vier Ländern, junge Menschen, gierig nach Erfolg. ("Sie müssen Biß haben", sagt die Chefin.)

Sie gilt als schwierig. Der Brief mit der Bitte um ein Gespräch blieb mehrere Wochen unbeantwortet liegen, eine vorsichtige Telephonanfrage provoziert am anderen Ende einen kleinen Sturm: Wird die Grundlagenforschung in der Presse nicht meistens übersehen? Nicht etwa häufig völlig falsch dargestellt? Die Gentechnik geradezu verteufelt? Von dummen Journalisten?! So kam es, daß die Unterhaltung mit einem Anflug von Beklemmung begann. Den Besucher trifft ein Blick, dessen Klarheit und Schärfe unmittelbar Mitgefühl auslöst für die kleinen Drosophilas, die nebenan unters Mikroskop geschoben werden.