Von Hansjakob Stehle

Acht Jahre lang zog ein grauhaariger Arbeiter mit Wasserkübel und Fensterleder durch Prager Altstadtgassen. So sauber putzte er in dieser Zeit die verschmutzten Scheiben vor den armseligen Auslagen der Staatshandelsgeschäfte, daß die Genossen der Kommunalverwaltung den Fensterputzer Miloslav Vlk der Reinigungs-Brigade des kommunistischen Kultur-Palastes zuteilten. Heute sitzt der 59jährige Mann in einem Palast neben dem Hradschin, der Burg, und ist katholischer Erzbischof. Der sechzigste in der bewegten, über tausendjährigen Geschichte des Prager Bistums. Seine fürstlichen Vorgänger blicken aus barocken Rahmen hoheitsvoll auf ihn herab, während er die Kette mit dem Bischofskreuz unter die schwarze Jacke schiebt. Neben ihm, auf einem antiken Tischchen, steht ein Computer mit Bildschirm.

"Die Kirche ist und war bis jetzt zu klerikal" – so lautet eine seiner überraschenden Feststellungen im Verlauf eines Gesprächs, in dem sich der Erzbischof gleichwohl nie ereifert; er spricht gelassen, in fließendem Deutsch, das er zuerst im Krieg auf der Schulbank seiner mittelböhmischen Heimat, dann als Philosophiestudent der Prager Karls-Universität gelernt hat. Die Zulassung hatte er sich vorher durch jahrelange Fabrikarbeit in Budweis verdienen müssen. Und sein heimliches Theologie-Studium konnte er erst 1968 während des kurzlebigen Prager Frühlings mit der Priesterweihe abschließen.

Zehn Jahre später entzog der Staat dem unbequemen, weil volksnahen Seelsorger die "Zulassung". Aus dem Pfarrer wurde der Fensterputzer. Die Erinnerung daran macht ihn keineswegs bitter; er nennt sein bisheriges Leben "schöner als einen Traum". Keine Spur von Triumphgefühl über das lange so unvorstellbare Ende jenes Regimes, das der römischen Kirche in der Tschechoslowakei besonders übel mitspielte, ihren Klerus in den Untergrund verbannt oder zu totaler Staatshörigkeit verurteilt hatte.

Der Katholizismus in Böhmen büße jetzt vielleicht für seine "Verletzungen der Religionsfreiheit, für die Verbrennung von Jan Hus und für die Zwangsbekehrungen im 17. Jahrhundert", so gestand schon 1965 beim Zweiten Vatikanischen Konzil der Prager Erzbischof Josef Beran, der – ohne Recht auf Rückkehr – nach Rom reisen durfte. Damals saßen im Prager Erzbischofs-Palast nur noch verängstigte Administratoren; sie sprachen mit dem westlichen Besucher nur, falls es das staatliche Kirchenamt genehmigte und dann stets neben einem laut plärrenden Radio, das den Polizeimikrophonen unter den Tapeten das Mithören erschweren sollte. Erzbischof Miloslav Vlk beruft sich auf eben jenes vatikanische Konzil und dessen Hinweis auf die "Zeichen der Zeit" – eines davon sei der heutige Priestermangel. Vlk betrachtet ihn wie auch andere Symptome von Entkirchlichung und Säkularisierung nicht so sehr als Krisensignal, sondern als positive Herausforderung: "Ich verstehe diese Zeichen so, daß man andere Wege gehen soll. Das bedeutet: Die Kirche ist und war bis jetzt zu klerikal. Aber im Konzil stand doch an erster Stelle das ‚Volk Gottes‘ und nicht Papst, Bischöfe und Priester! Es ist also notwendig, alle getauften Laien einzubeziehen."

Klingt da etwas Protestantisches, Hussitisches an? So möchte Vlk nicht verstanden werden; vor dem katholischen Dogma, das nur geweihte Priester gültige Sakramente spenden läßt, macht er gerade noch halt. Doch der Erzbischof sagt freimütig: "Wir sind eine sehr sakramentalistische, formalistische Kirche geworden. – Aber Gemeinschaft bilden, gemeinsam das Wort Gottes lesen, predigen und die Kommunion empfangen – das ist wichtig, es bildet Gemeinsamkeit. Und das kann auch ohne Priester geschehen. Eben so war das bei uns im Untergrund! Da gab es ja wenige Priester, und diese waren von der Geheimpolizei überwacht; so hatten wir Angst, durch sie entdeckt zu werden. Engagierte Laien aber konnten vieles unternehmen – einfacher als jetzt."

Keine Katakomben-Romantik motiviert den Erzbischof, sondern Realismus aus Erfahrung. Er selbst bewegte sich, auch nach Priesterweihe und Berufsverbot im "Halbuntergrund", wo man unter allerlei Vorwänden – Familienfesten, Freundeskreisen – privat, aber auch öffentlich zum Gottesdienst zusammenkam. Doch es gab auch – parallel zur behördlich genehmigten – eine Untergrundkirche mit Geheimbischöfen und etwa sechshundert geheim geweihten Priestern. Darunter verheiratete Männer und – Frauen! Darüber müssen sich nun die vatikanischen Zölibats-Hüter die Köpfe zerbrechen. Am liebsten würden sie die geistlichen Familienväter (nicht die Mütter?) zu den "Unierten" des griechisch-katholischen Ritus abschieben, wo kein Zölibat vorgeschrieben ist. Vlk sagt dazu nur: "Die Sache muß rasch geklärt werden, denn manche könnten gut bei uns eingesetzt werden." Dem neuen Prager Oberhirten scheint das Problem lange nicht so peinlich zu sein wie manchen seiner geheimnistuerischen Amtsbrüder.