Ernährungsindustrie

Westliche Hersteller drängen das ostdeutsche Speiseeis vom MarktSiggi aus Ostberlin erinnert sich: "Früher war es so: Wenn man an die Ostsee fuhr, mußte man sich zwei Stunden für einen Früchtebecher mit Erdbeeren und Sahne anstellen. Da lernst du den Wert des Eises kennen."

War es in der ehemaligen DDR das Warten, das das Eis wertvoll machte, so ist es heute eher der Preis. Die billigen Zeiten, in denen eine Kugel Vanille- oder Fruchteis nur fünfzehn Pfennig (Ost), eine Kugel Schoko zwanzig Pfennig (Ost) kostete, sind seit der Währungsunion vom Sommer 1990 vorbei. Heute kostet die Kugel Eis fünfzig Pfennig.

Die führenden Eiskremhersteller aus Westdeutschland haben jetzt ihre bunten Fähnlein in den Ostwind gehängt. Bei schönem Wetter stehen ihre mobilen Eiswagen in den ostdeutschen Städten dicht beieinander. Die langen Warteschlangen sind verschwunden, der Absatz boomt. Die ostdeutschen Verbraucher schleckten 1989 nur 4,4 Liter Eiskrem pro Person – rund die Hälfte dessen, was die Westdeutschen verzehrten. Im vergangenen Jahr aber stieg der Pro-Kopf-Verbrauch schon auf 5,7 Liter an. Doch die ostdeutschen Eisproduzenten hatten wenig von diesem Boom. Denn im Durchschnitt kauften die Ostdeutschen nur noch 1,7 Liter Eis aus heimischer Produktion, 4 Liter kamen aus dem Westen. Die Wende bedeutete für viele ostdeutsche Hersteller denn auch das Aus. Mehr als fünfzig Betriebe mußten inzwischen aufgeben. Von den siebzehn noch existierenden Eisherstellern konnten vier nur deshalb weitermachen, weil sie westdeutsche Kooperationspartner fanden. Und die in der ehemaligen DDR produzierte Eismenge schmolz kräftig zusammen – allein 1990 um sechzig Prozent auf 13 215 Tonnen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden höchstens noch 30C0 bis 4000 Tonnen hergestellt.

Die Gründe für dieses Desaster sind offensichtlich. Verpackungen und Namen der Produkte wurden bereits in den fünfziger oder sechziger Jahren erfunden. Damals hießen die Kreationen "Hexenkuß", "Hexensplitter" und "Othello". Erst kurz vor der Wende gab es zaghafte Versuche, das triste Image aufzupeppen mit Namen wie "Aromatic" und "Exotic". Doch die Verpackungen blieben museumsreif.

Über die Hälfte der DDR-Eiskrem wurde in Plastikbecher abgefüllt und gar nur mit der schlichten Aufschrift "Eiskrem" versehen. Das zwischen zwei Waffeln pappende Eis, an denen immer das Pergamentpapier klebenblieb, wurde wenig einladend als "Riegeleis" angeboten und erreichte vierzehn Prozent des Absatzes. Nur sechs Prozent ihres Sortiments konnten die DDR-Hersteller als Stieleis anbieten, das vor allem bei Kindern beliebt war. Die Fertigungsanlagen dafür kamen aus Dänemark und kosteten wertvolle Devisen.

Solchermaßen schlecht gerüstete Konkurrenten glatt zu überrollen, fiel den Firmen aus dem Westen denn auch nicht schwer. Ohne sonderliche Werbeanstrengungen – aus dem Westfernsehen waren ihre Produkte im Osten bekannt – konnten sie 1990 ihren gesamtdeutschen Umsatz um zwanzig Prozent auf 4,2 Milliarden Mark steigern. Probleme bereitete ihnen da schon eher die Logistik. Vor allem fehlende Kühltruhen in Haushalten und Gaststätten behinderten das Geschäft im Osten.