Von Sabine Etzold

Der politische Selbstmordversuch des Düsseldorfer Kultusministers Hans Schwier (SPD) in der vergangenen Woche hat erhebliche Aufregung verursacht. Inzwischen scheint festzustehen, daß Schwier wider Erwarten politisch überleben wird. Doch die Geschichte ist so ungewöhnlich, daß es lohnt, sie noch einmal aufzugreifen.

Wohl zum erstenmal nämlich hat ein Politiker ein privates Unternehmen angeheuert, um sein Tun analysieren und sich damit für teures Geld die eigene Unfähigkeit bescheinigen zu lassen. 2,4 Millionen Mark – das entspricht ungefähr der Summe, die ein Lehrer während seiner Dienstzeit kostet – hat die Düsseldorfer Kienbaum Unternehmensberatung GmbH vom Minister aus Steuermitteln erhalten, um nach 800 Druckseiten komprimierter Schulmiseren-Analyse zu dem Schluß zu gelangen: Das Schulsystem in Nordrhein-Westfalen, ein Großbetrieb mit rund 160 500 Beschäftigten, 2,5 Millionen Schülern und jährlichen Personalkosten von 11,7 Milliarden Mark, hat total miß- und abgewirtschaftet. Die Schüler, für die der Betrieb eigentlich arbeitet, wurden um ihr Interesse – eine gute Schulbildung – geprellt, durch Stundenausfall, Lehrermangel, schlechten Unterricht; enorme Summen wurden mit uneffektiven Experimenten verpulvert wie Kollegschulen, Ganztagsschulen, Abendgymnasien und diversen Modellversuchen; den Lehrern, gewissermaßen den Angestellten des Großbetriebs, wurden kostspielige, geschäftsschädigende Privilegien zugestanden, als da sind Weiterbildung innerhalb der Arbeitszeit, vorzeitige Pensionierung, generell zuviel Freizeit. Dies sind nur einige – die schlimmsten – von den Unternehmensberatern diagnostizierten Symptomen für das ministerielle Mißmanagement der Vergangenheit.

Um die Effektivität des Großbetriebs Schule wieder herzustellen, bedarf es, so die Kienbaum-Manager, schnellstens einer Grundsanierung mit "erheblichen Einschnitten". Im knallharten Unternehmerjargon heißt das: Entweder es werden sofort "außerordentlich hohe Haushaltsmittel in der Größenordnung von bis zu etwa zwei Milliarden pro Jahr" lockergemacht, oder man greift zu den "erheblichen Einschnitten". Angesichts der 107 Milliarden Mark Landesschulden braucht es keinen Finanzexperten, um zu ahnen, daß künftig bei der Systemsanierung in NRW vor allem die Kienbaumschen "Einschnitte" angesagt sein werden.

Und die sind herb. Ohne irgendwelche schulpolitischen Rücksichten und pädagogischen Einsichten holt Kienbaum zum systemanalytischen Rundumschlag aus, gerade so, als gäbe es keine Eltern- und Lehrerverbände, keine CDU-Opposition keinen Schulpappi Schwier und keine Parteigenossen, die an seinem Stuhl sägen. Die Lehrer müssen mehr und effektiver arbeiten, die Schulen müssen größer werden, genauso wie die Klassen, und die Schulaufsicht muß organisatorisch härter durchgreifen, etwa wenn es darum geht, Lehrer "zwangszuversetzen". Außerdem braucht jede Schule ein Stellenkontingent an Lehrerreservisten für den Vertretungsfall, und ceterum censeo soll man sich – so die Manager – künftig allen pädagogischen Schnickschnack abschminken, wie etwa die vielen Sonderprogramme für Aus-, Um- und Übersiedler.

Nun ist seit der Veröffentlichung des Kienbaum-Gutachtens gut eine Woche verstrichen. Inzwischen sind die Rufe nach dem Kopf des Kultusministers leiser geworden, und allenthalben beginnt man zögernd, sich an die eigene Brust zu klopfen. Denn wo ein System analysiert wird, hängt jeder mit drin, der irgendwie daran beteiligt ist. Das nennt man "systemimmanent". Noch weniger Lehrer vor noch größeren Klassen in noch größeren Schulen? Das, was Kienbaum verkündet, hat im Grunde jeder gewußt und keiner gewollt. Doch wo die Manageranalyse aufhört, fängt die Schulpolitik an. Künftig wird man mit Kienbaum unterm Arm noch trefflicher streiten können. Und der eine oder andere wird sich vielleicht fragen, ob man statt der Untersuchung nicht lieber doch einen Lehrer bezahlt hätte.