Von Uwe Pape

BERLIN. – Der öffentliche Sprachgebrauch von Politikern und Journalisten ist ein Indiz für das Fortbestehen der Trennung zwischen den Deutschen. Während Spitzenpolitiker (sicher unter Streß) gelegentlich noch von der "DDR" sprechen, kann es kaum unbedacht geschehen sein, daß der Präsident der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit vom "Beitrittsgebiet" sprach, denn dieses Wort gehört nicht zum normalen Sprachschatz. So möge es auch bleiben, weil sich hinter diesem Wort ein Geist verbirgt, den unlängst ein Kabarettist sehr kritisch umschrieb. Er meinte von seinen westdeutschen Landsleuten, daß sie während der vertrauten Zweistaatlichkeit womöglich für ihre Schwestern und Brüder im Osten gestorben wären, doch er läßt sie nun überaus skeptisch fragen: "Aber mit ihnen leben???"

In Westdeutschland wird auch fortwährend von der "ehemaligen DDR" oder der "Ex-DDR" gesprochen und in Sternstunden sprachlicher Verwirrung sogar vom "ehemaligen Ostberlin". Immer wird auf diese Weise offenbar, daß da noch ein in sich abgeschlossenes Ganzes existiert, mit dem man wie mit einem Objekt umgeht, dem man – freilich ohne die Distanz aufzuheben – in einem "Bergungsunternehmen Ost" auf die Beine helfen müsse.

Sicher bleiben Ost- und Westberlin sowie die neuen und die alten Bundesländer noch für eine lange Zeit voneinander in besonderer Weise verschieden. Dem wird mit Reden und Ratschlägen allein nicht abzuhelfen sein. Aber die immer wieder beschworene "Befindlichkeit" kann mit dem öffentlichen Sprachgebrauch sehr wohl beeinflußt werden. Das geschähe beispielsweise dann, wenn wir nur noch von Ost- oder Westdeutschland sprächen und so dafür sorgten, daß "Osten" und "Westen" möglichst rasch wieder geographische Kategorien werden.

Von den Kritikern der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wird behauptet, es handele sich dabei um einen Anschluß. Mit dem Gebrauch des Wortes "Anschluß" provozieren sie bewußt die Erinnerung an den Anschluß Österreichs im Jahre 1938, also an einen mehr oder weniger gewaltsamen Akt. Um dieser Kritik wirksam zu begegnen, sollten wir nicht von "neuen Bundesbürgern", von "neuen Bundesländern" oder gar von einer nun "vergrößerten Bundesrepublik", sondern schlicht von Deutschland sprechen. So ergäbe sich ein sprachliches Abbild eines neuen deutschen Staates, an dessen Ausprägung alle in ihm lebenden Menschen gleichberechtigten Anteil haben.

  • Uwe Pape ist Diplom-Ingenieur in Berlin.