Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im September

Um die Demokratie zu retten, wollte er notfalls den Kreml bombardieren. Das enthüllte der neue sowjetische Verteidigungsminister Jewgenij Schaposchnikow in der vergangenen Woche. "Wenn Jasow, Krjutschkow oder Janajew den Sturm auf das russische Parlament befohlen hätten", so der damalige Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte, "wäre ich in den Kreml gegangen, um ihnen ein Ultimatum zum sofortigen Rückzug zu stellen und zu sagen: Wenn ich in zehn Minuten nicht wieder in mein Hauptquartier zurückkehre, kommen die Bomber und lassen von uns allen nichts übrig." Doch so entschlossen sich der 49jährige Ex-Pilot gegen den Putsch vom 19. August stellte – auch für den jüngsten Marschall des Landes, der in der Öffentlichkeit dunkelblaues Zivil bevorzugt, bleiben noch viele Rätsel: "Es gibt weiterhin große Mysterien. Dies ist eine der dunkelsten Seiten der Geschichte."

Zu einem dieser Mysterien trägt der sympathische und bürgernahe Marschall selbst bei, zusammen mit Boris Jelzin und Michail Gorbatschow. Alle drei beteuern, "daß die Atomwaffen während des Coups in sicheren Händen waren" (Schaposchnikow), "daß die Kontrollmechanismen noch strenger sind als in Amerika, auch wenn über die genaue Struktur ... keine Staatsgeheimnisse enthüllt werden können" (Jelzin) und "daß keiner wegen dieser Sache irgendwelche Besorgnisse haben soll" (Gorbatschow).

Diese Besorgnisse aber hat es gegeben – und zwar bis an die Grenze der Panik. Hohe Offiziere haben sie geäußert. Erst mit der Sprachregelung am Ende der Putschwoche schirmte die Formel von den "sicheren Händen" alles wieder ab. Vom Oberbefehlshaber der Luftabwehr, Generalmajor Igor Malzew, stammt der verbürgte, wenn auch nicht veröffentlichte Befund: "Die Instabilität unserer Gesellschaft hat natürlich in der ganzen Welt einen Schüttelfrost ausgelöst. Wir haben hier aber auch Schüttelfrost bekommen, als der rasende Wettlauf um die Maschine begann."

Dieser "rasende Wettlauf" um das Flugzeug vom Typ TU 134 mit der militärischen Kommandozentrale des sowjetischen Präsidenten, das am 19. August bis zum Abend auf dem Krim-Flughafen Belbek bei Gorbatschows Urlaubsdomizil Foros stand, hielt den sowjetischen Generalstab in Atem. Die Bewegungen der Panzer gegen Jelzins Weißes Haus an der Moskwa beschäftigten ihn in diesen ersten Stunden des Putsches weit weniger. Das mag übertrieben klingen, wird aber durch einen Blick auf die "sicheren Hände" unmittelbar vor Beginn des Umsturzversuches verständlicher.

Es gab drei Koffer mit den elektronischen Einsatz-Codes für die strategischen Atomwaffen. Einer war bei Gorbatschow auf der Krim, einer zur Verfügung des putschenden Verteidigungsminister Dmitrij Jasow, den dritten besaß Generalstabschef Michail Mojssejew, der den Putschisten Hilfestellung leistete. Über das "Mysterium" des ersten Koffers erfuhr Igor Golotjuk, Militärbeobachter der Wochenzeitung Megapolis-Express, aus seinen weitreichenden Armee-Verbindungen: "Bis 17 Uhr am 18. August, als bei Gorbatschow in Foros die Delegation des ‚Notstandskomitees‘ auftauchte, befand sich der diensthabende Offizier mit dem ‚Nuklearköfferchen‘ wie immer direkt beim Präsidenten. Nachdem die Abgesandten des ‚Komitees‘ Foros verlassen und Gorbatschow unter Hausarrest zurückgelassen hatten, war der Offizier verschwunden. Spurlos, einfach in Nichts aufgelöst. Zusammen mit dem Köfferchen ..."