Von Ute Frevert

Alles, was wir an dem wahren Weibe Weibliches bewundern und verehren, ist nur eine Dependenz des Eierstocks." Das schrieb 1848 der damals 27jährige Arzt Rudolf Virchow. Er tat es in einer Zeit politischer Auf- und Umbrüche, die er als selbsternannter "Anwalt der Armen" und Verfechter einer "medicinischen Reform" nach Kräften beförderte. Politisches und wissenschaftliches Fortschrittsdenken gingen bei Virchow eine enge, zeitlebens bewahrte Verbindung ein; als Vertreter einer naturwissenschaftlichen Medizin praktizierte er dieses Denken ebenso wie als Mitbegründer der liberal-demokratischen Fortschrittspartei. Wenig Neues fiel ihm hingegen, wie das Zitat beweist, zu den Geschlechterverhältnissen ein. "Weibliches" definierte er als bloße Funktion anatomisch-physiologischer Gegebenheiten, als Ausdruck einer tief im Körperinnern verborgenen Struktur. Der Arzt, so die logische Folgerung, sei daher als profunder Kenner jenes Körperinneren zugleich auch der berufene Interpret und Kontrolleur wahrer Weiblichkeit.

Eben das hatten vor ihm schon viele andere Mediziner behauptet – und würden nach ihm noch zahllose weitere tun. Wem dabei die Palme der Originalität gebührte, ist schwer zu entscheiden. Fest steht aber, daß die Variation des immer Gleichen auf diesem Gebiet spätestens seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert unverrückbar zum ärztlichen Argumentationsrepertoire dazugehörte. Die physische Verschiedenheit der beiden Geschlechter, so die These, lege den Grund zu einer auch in ihrem Seelenleben, ihrem Nervenkostüm und ihren sozialen Beziehungen sichtbaren Differenz. Wo die "ursprüngliche" Differenz jeweils lokalisiert wurde, ob im Knochenbau, in den Windungen der Harnröhre oder in der Anordnung und Ausformung der Sexualorgane, unterschied sich von Autor zu Autor. Immer aber zog man die gleichen Schlüsse: Männer und Frauen seien körperlich und geistig fundamental verschiedene Geschöpfe, die folglich auch in der Gesellschaft getrennte und hierarchisch gestaffelte Plätze auszufüllen hätten.

Wie diese somatische, kulturelle und soziale "Ordnung der Geschlechter" zwischen 1750 und 1850 entwickelt und ausbuchstabiert wurde, hat jetzt Claudia Honegger in ihrer Frankfurter Habilitationsschrift nachgezeichnet. Als erfahrene Grenzgängerin zwischen Geschichte und Soziologie hat sie sich ein Thema gewählt, das bislang weder in der einen noch in der anderen Disziplin systematische Beachtung gefunden hat. Zwar ist die "Geschlechtercharakterologie" der bürgerlichen Moderne mittlerweile vielerorts beschrieben und kritisiert worden; die Mühe, sie einer gründlichen wissenssoziologischen und/oder sozialhistorischen Analyse zu unterziehen, hat sich jedoch kaum jemand gemacht.

Das Buch der Berner Soziologieprofessorin füllt daher mit seinem Anspruch, das "moderne Deutungsmuster ‚Geschlechterdifferenz‘" als "Zusammenhangsphänomen" rekonstruieren zu wollen, eine deutliche Leerstelle aus. Die Ambition der Autorin reicht allerdings über dieses forschungsstrategische Interesse hinaus: Ihr geht es nicht zuletzt darum, ihren Diskurs über den Diskurs wissenschaftlich anschlußfähig zu gestalten. Das geschieht vor allem durch eine harsche Kritik an den gängigen Modernisierungstheorien, die die "gleichsam inverse Strukturierung der kulturellen Moderne" geflissentlich übersehen und statt dessen von einem allgemeinen menschlichen Individuierungsprozeß sprechen. Honeggers Forderung, den scharf akzentuierten "Dualismus der Geschlechter" in die theoretische Reflexion über die "Grundlagen der modernen Welt" einzubeziehen, ist daher auch ein Plädoyer für eine neue, differenzierende Welt-Sicht, die die andere, dunklere Seite der Modernisierungsgeschichte nicht mehr vorsorglich-fürsorglich ausblendet. Eine solche Verdrängung läßt sich, glaubt man der Autorin, um so weniger rechtfertigen, als die frühen Baumeister jener "modernen Welt" sehr genau um diese andere Seite wußten und mit ihrem Wissen auch nicht hinter dem Berg hielten.

Sie legten sogar ausgesprochen viel Wert darauf, die neue Ordnung hell-dunkel zu kolorieren, und griffen dafür mit Vorliebe auf den Kontrast von Männlichkeit und Weiblichkeit zurück. Schon die Aufklärung hatte, so Honegger, "die Frau aus der Generalisierungsbewegung des Menschen hinauskomplimentiert". Erst die "lärmende Verwissenschaftlichung der Differenzdebatte" aber, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetzte, verlieh diesem Ausschluß höhere, eben wissenschaftliche Weihen und wischte Zweifel, Skepsis, Widerspruch mit autoritärer Geste hinweg.

Die verschiedenen Stationen im "Transformationsprozeß der Geschlechter-Codierungen" spiegeln sich im Aufbau des Buches. Die erste Hälfte der etwas über 200 Textseiten beschäftigt sich mit den kulturellen Umbrüchen der Aufklärungszeit, mit ihrer Wahrnehmung durch einzelne Frauen und Männer sowie mit den Debatten, die die "neue Unordnung der Geschlechter" auslöste. Anhand einiger wohlbekannter zeitgenössischer Texte wird hier – übrigens nicht zum ersten Mal – das Bild einer offenen, experimentierfreudigen Epoche skizziert, in der "vieles nebeneinander möglich war": egalitäre Entwürfe à la Hippel und Wollstonecraft, Konzepte einer autonomen weiblichen Kultur (Emilie von Berlepsch) ebenso wie Ansätze einer neuen politischen "Männerbewegung" (Rousseau, Brandes, Meiners, Fichte). Zwar gingen all diese Texte, die progressiven nicht anders als die konservativen, von der Annahme einer fundamentalen Geschlechterdifferenz aus. Wo jene Differenz jedoch konkret angesiedelt sei, in welchen Formen sie sich ausdrücke und welche Folgerungen sozialer, kultureller oder politischer Art sich daran knüpften – darüber herrschte (noch) keine Einigkeit.