Von Hansjakob Stehle

So mancher Heiligenschein trügt – zumal ein politischer, wenn Legende mit Geschichte verwechselt wird. So geistert jetzt durch das neu belebte Nationalbewußtsein der Slowaken als Lichtgestalt ein schwarzer Mann: Jozef Tiso, katholischer Priester und Präsident der Republik, der 1947 – noch vor dem kommunistischen Umsturz in der Tschechoslowakei – am Galgen endete. Als Märtyrer oder als Verbrecher?

In der elfhundertjährigen Geschichte der Slowakei hatte Tiso 1939 seinem Volk zum erstenmal – sechs Jahre lang – einen Nationalstaat beschert. Von Hitlers Gnaden. Und um den "Preis" von fast 60 000 slowakischen Juden, die – noch bevor es die deutsche "Schutzmacht" verlangte – in den Tod geschickt wurden. Oder war alles ganz anders? War Tiso nur Opfer von Irrtum und Mißgeschick? Der gute Hirte, der nur seine slowakische Herde vor jenem Bolschewismus retten wollte, den Hitler nicht besiegt hatte?

So meinen nicht nur fanatische Nationalisten, die am Pfarrhaus von Banovce, wo Tiso wirkte, eine (inzwischen wieder entfernte) Gedenktafel anbrachten. Jetzt, da – nach slowenischem und kroatischem Vorbild – der Ruf nach Eigenstaatlichkeit auch in der Slowakei immer lauter wird, der Exkommunist und Volkstribun Dubček ins national-slowakische Lager. überwechselt und der katholische Ministerpräsident der Slowakei, Carnogursky, sein Land bis zur Jahrtausendwende "als souveränen Staat" in die EG führen will, jetzt wird die Tiso-Debatte zum politischen Seismographen drohender Beben in der Tschechoslowakei. Sogar Staatsanwalt und Verteidiger im Tiso-Prozeß von 1946/47 traten jetzt im Fernsehen auf.

Eignet sich Tiso als Patron der "Wende"? Klerikalfaschisten, die wieder von "zionistischer Verschwörung" reden dürfen, verdächtigen jeden, der es bezweifelt. Die slowakische Kirche hält sich zurück, verunsichert von neuer Freiheit und alter Erfahrung. Ankläger wie Verteidiger Tisos verweisen auf "geheime Dokumente im Vatikan", die das Problem Tiso klären könnten. Es scheint, als habe keiner von ihnen die elf Bände der "Akten und Dokumente des Heiligen Stuhls zum Zweiten Weltkrieg" (ADSS) gelesen, die 1965 bis 1981 vom Vatikan publiziert, allerdings auch im Westen (wohl mangels italienischer und lateinischer Sprachkenntnisse) wenig ausgewertet wurden. Nicht zuletzt aus dieser Quelle, die weder des Antiklerikalismus noch des Kommunismus verdächtig ist, läßt sich ein deutliches Bild der umstrittenen Figur gewinnen.

"Das Unglück ist, daß der Präsident der Slowakei [Tiso] ein Priester ist! Daß der Heilige Stuhl Hitler nicht zügeln kann, verstehen alle, aber daß er einen Priester nicht bremsen kann – wer kann das begreifen?" Als sich am 13. Juli 1942 der päpstliche Unterstaatssekretär und spätere Kardinal Domenico Tardini (1888-1961) in einer Randbemerkung diesen wütenden Seufzer von der Seele schrieb, war Tiso schon über drei Jahre ins machtpolitische und ideologische Netz Hitlers verstrickt. Eigentlich hielt dieser ja nichts von "Pfaffen". Um so erstaunlicher war es, als er am Abend des 13. März 1939 in der Berliner Reichskanzlei den wohlbeleibten, 52jährigen Monsignore aus Preßburg (Bratislava) empfing und ihn nach einem 35 Minuten währenden Gespräch zu seinem Partner, ja Verbündeten machte.

Es war Erpressung – aber zu etwas, was sich Tiso und seine politischen Freunde ohnehin wünschten. Schon vorsorglich hatte er (so verriet er Hitlers Dolmetscher Paul Schmidt) zur Nervenberuhigung ein halbes Kilo Schinken verschlungen ... Hitler heuchelte, er habe immer geglaubt, die Slowakei wolle sich – Ungarn anschließen, und traf damit den empfindlichen Nerv des Prälaten. Denn die Slowakische Volkspartei, deren Vorsitz Tiso 1938 nach dem Tod ihres Gründers Andrej Hlinka (auch ein Priester) übernommen hatte, war schon seit Anfang des Jahrhunderts so mit der Parole "Los von Ungarn!" aufgetreten, wie sie dann gegen den tschechischen Zentralismus "Los von Prag!" rief. Ihr radikaler, katholisch-gegenreformatorisch gefärbter Nationalismus – verkörpert auch durch die Schlägertruppe der "Hlinka-Garde" – paßte genau in Hitlers Konzept an jenem 13. März 1939, zwei Tage bevor er nach Prag marschieren ließ und die "Rest-Tschechei" als Reichsprotektorat vereinnahmte.