Franzosen und Deutsche – sie fanden nicht leicht zusammen so kurz nach dem Kriege.

Ah, Sie sind Däne?" – "Wieso?" – "Sie haben hinten ein ‚D‘ am Wagen." – "Mais non! D gleich Deutscher." – Nur kurzes Zögern, dann der Trost: "Ça ne fait rien ..." Schon Tucholsky, der ähnliches in Frankreich ein paar Jahre nach dem Ersten Weltkrieg erlebte, hat dabei an den kölnischen Witz erinnert: "Du leewen Jott, hätt’ dat Kind do enä Wasserkopp!" – "Pardong, dat is mingen Sohn!" – "Steht em äwwer jut." – Die Franzosen sind ein taktvolles Volk. Vielleicht haben sie dies, den Takt nämlich, allen anderen Völkern voraus. So weit wir in Frankreich herumfuhren, nirgendwo ein feindliches Wort, nirgends eine abträgliche Bemerkung. Eher der rührende Versuch, etwas Freundliches über Deutschland zu sagen. Das klang an einer Tankstelle südlich von Paris aus dem Munde des Wärters so: "Auch ich bin in Deutschland gewesen... im Kriege... in Chemnitz. Und wo waren Sie?" – "An der Ostfront." – "Ach, dann hab’ ich’s besser gehabt als Sie." – Oder ein Kellner in einem Kleinstädtchen an der Rhône sagte: "Darf ich fragen: Sind Sie Engländer?" – "Nein, Deutscher." – "Oh", sagte der Kellner, und nach einer kleinen Pause: "Deutschland hat so schöne Berge." Ein Wort, das mich an den Ausspruch meiner Großmutter erinnerte. Sie, die es partout nicht ausstehen konnte, sprach man schlecht über Bekannte, verteidigte nach gewissem Zögern einen übelbeleumdeten Mann mit den Worten: "Egal, er hat ein schön’ Klavier..."

Manchmal hatte ich den Eindruck, daß der Franzose mehr Mensch als andere Menschen sei. In St. Benoit-sur-Loire, in der alten Benediktiner-Kirche, in deren Krypta Sankt Benedikt im goldenen Schreine ruht, gibt es – wie in jeder französischen, in jeder deutschen Kirche – die Gedenktafel für die Gefallenen der Gemeinde. Die Toten des Ersten Weltkrieges –: eine Reihe Namen; die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges –: eine kürzere Reihe. Dann aber noch eine andere Reihe –: die Namen derer, die zur Zeit der Besetzung in den Konzentrationslagern, sei es in Deutschland, sei es in Frankreich, umkamen; in solchem Lager starb auch der Dichter Max Jacob, der auf dem Friedhof von St. Benoit begraben liegt. Und dann noch einmal Namen. Wie denn? Kriegsopfer der Zeit nach 1944, da Frankreich doch frei war? Es sind die Opfer der Résistance. Kriegsopfer auch sie, Opfer der politischen Wirren, der persönlichen Rache, der Verbrecher, die sich unter die Widerstandskämpfer gemischt hatten. "Ohne diesen Krieg", sagte der Curé‚ "wären sie noch am Leben. Ob nach Menschengesetzen schuldig oder nicht – darüber wollen wir hier nicht richten. Dies hier", und er deutete ins Innere der Kirche, die aus dem 11. Jahrhundert stammt, "ist nicht nur ein historisches Dokument der Baukunst, sondern auch ein Gotteshaus." (gekürzt) Josef Marein