Von Karl-Heinz Büschemann

Rodo Schneider ist ein Manager von zupackendem Wesen, der gelegentlich so heftig diskutiert, daß seine Hände und Füße mitreden. Das passiert vor allem dann, wenn den Vorstandsvorsitzenden des bayerischen Fleisch- und Wurstherstellers Moksel AG Zeitungsberichte ärgern, in denen seinem Arbeitgeber Mauschelgeschäfte mit der ehemaligen DDR nachgesagt werden. Ganz besonders sauer reagiert Schneider, wenn Moksel in einem Atemzug genannt wird mit einem anderen bayerischen Vieh- und Fleischunternehmen, der Rosenheimer März AG, und der Eindruck vermittelt wird, März und Moksel hätten in der Ex-DDR gemeinsam krumme Dinger gedreht. "Wir haben keinen Kontakt", sagt er und bestreitet jegliche Beziehung zwischen den beiden Familienunternehmen aus der Fleischbranche. "Wir sind erbitterte Konkurrenten."

Dennoch gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Firmen. Wann immer in den zurückliegenden dreißig Jahren westdeutsche Fleisch- und Wurstwarenhändler mit der Ex-DDR ins Geschäft kommen wollten, stießen sie auf zwei Wettbewerber, die schon längst mit Ost-Berlin in Kontakt waren und den Handel mit lebendem Vieh, Fleisch und Wurst über den Eisernen Vorhang hinweg beherrschten: Stets waren die umtriebigen Firmen Moksel und März schon da, die entweder Bullen und Schafe aus der DDR nach Westdeutschland importierten oder Fleisch in die Ex-DDR verkaufen durften. Mitbewerber kamen nur in Ausnahmefällen zum Zuge. "Wir und andere hatten nie eine Chance, da reinzukommen", sagt ein Manager der Münchner Südfleisch AG, die einer der größten deutschen Fleisch- und Viehverarbeiter in der Bundesrepublik ist. Gottfried Wolff, der in den siebziger Jahren Vorstandsvorsitzender der Südfleisch war, ist sogar sicher, daß die März-Fleischfirma Marox "in der DDR eine besondere Protektion" genoß. Wolff: "Als ich Anfang der siebziger Jahre das Ungleichgewicht (...) zugunsten der genossenschaftlichen Südvieh-Südfleisch korrigieren wollte, wurde ich sehr schnell der praktisch uneinnehmbaren Stellung des Hauses März gewahr."

Warum aber ausgerechnet die Bayern aus Buchloe und Rosenheim so gute Kontakte zu der DDR von Walter Ulbricht und Erich Honecker hatten, darüber wird in diesen Wochen lebhaft diskutiert. Beiden Unternehmen wird nämlich inzwischen vorgeworfen, ihre äußerst lukrativen Ost-Geschäfte dem DDR-Devisenbeschaffer und Stasi-Mann Alexander Schalck-Golodkowski zu verdanken. Vertreter beider Firmen müssen in den kommenden Wochen im Bonner Untersuchungsausschuß über die Affäre Schalck-Golodkowski dazu aussagen. Schalck selbst soll am 25. September vor den parlamentarischen Kontrolleuren Licht in das verwirrende System seiner Stasi-Kontakte und Ost-West-Geschäfte bringen. So ist von Bestechungsgeldern die Rede, mit denen sich die beiden Fleischfirmen in die Geschäfte eingekauft hätten, und es heißt, beide Unternehmen hätten gemeinsam mit dem Devisenbeschaffer und Obersten des DDR-Staatssicherheitsdienstes Millionenbeträge auf ausländische Konten verfrachtet.

Bis die beiden Unternehmen wegen ihrer Ost-Geschäfte in die Schlagzeilen gerieten, galten sie als Musterbeispiele dynamischen Unternehmertums. Die Moksel AG, die 1946 von dem heute 73jährigen polnischen Juden Alexander Moksel in Buchloe, etwa siebzig Kilometer westlich von München gelegen, gegründet wurde, wuchs in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich. Allein im vergangenen Jahr kletterte der Umsatz um fast achtzig Prozent auf 3,4 Milliarden Mark. Unter dem Strich blieben stets satte Beträge hängen. Die Allgäu-Stadt Buchloe hat inzwischen eine Alexander-Moksel-Straße – dem größten Gewerbesteuerzahler zur Ehre.

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte spielte sich in Rosenheim ab. Dort, etwa siebzig Kilometer südöstlich von München, hatte die Familie März bereits 1906 einen Milchladen eröffnet. Doch der eigentliche wirtschaftliche Aufstieg begann erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Unter der Führung von Josef März wurde aus dem Milch- und Käseunternehmen ein ziemlich unübersichtlich verschachteltes Imperium mit Schlachthöfen, Fleischfabriken und Brauereien. Auch hier explodierte der Umsatz. Das Geschäft wuchs in den zurückliegenden zehn Jahren von 250 Millionen auf 1,7 Milliarden Mark. Durch immer neue Zukaufe vor allem von Brauereien machte sich die März-Gruppe zum drittgrößten Bierkonzern der Republik. Den heutigen Vorstandsvorsitzenden Andreas März ernannte das manager magazin zu "Deutschlands agressivstem Manager".

Über Jahrzehnte hatte das Unternehmen eher im verborgenen geblüht. Josef März, bis 1988 Firmenchef, gab keinerlei Informationen über den Familienbetrieb nach draußen. Selbst Fragen nach der Zahl der Beschäftigten in den zahllosen Firmen des verworrenen März-Reichs wurden von der Familie noch vor einem Jahr nicht beantwortet. Vermutlich haben vor der Börsen-Einführung im Mai dieses Jahres nicht einmal die Hausbanken je eine konsolidierte Bilanz aller März-Firmen zu Gesicht bekommen. Das sind mehr als siebzig Gesellschaften, unter anderem gehören die Hamburger Bavaria-Brauerei, Fleischfabriken, Käsereien, Molkereien und Handelsbetriebe dazu. März-Firmen gibt es in West- und Ostdeutschland, in der Schweiz und in Griechenland, aber auch in afrikanischen Ländern wie Togo, Benin oder Gambia. Bis 1993/94 sollen, so der Aufsichtsratsvorsitzende Willi März, Umsatz und Ertrag verdoppelt werden.