Der größte Schuhhersteller der Welt sucht nach seinen Wurzeln in der Tschechoslowakei

Von Judith Reicherzer

Im siebten Jahrhundert unseres Herrn funktionieren die Menschen im Takt der Maschinen. Die Arbeiter sind gentechnisch genormt. Statt Gewalt herrscht eine Lustdroge über sie, und damit sind die Erdlinge froh und zufrieden – trotz Unfreiheit im Überwachungsstaat. Ford der Herr hat diese Welt nach seinem Wahnbild erschaffen: Die Rationalisierung ist perfekt, die reibungslose Produktion gesichert.

Schöne neue Welt, die der Schriftsteller Aldous Huxley 1932 in seinem berühmten Roman beschrieben hat. Mit literarischen Horrorszenarien focht er gegen Henry Ford, den Begründer der massenhaften Autoproduktion, der für seine Fließbänder im amerikanischen Detroit leistungsstarke, anpassungsfähige Arbeiter brauchte.

Hätte Huxley den tschechischen Schuster Tomas Bat’a gekannt, er hätte den Gott seiner "Schönen neuen Welt" nicht Ford genannt. Denn was Henry Ford begann, hat Bat’a perfektioniert. In Zlín in Südmähren errichtete er eine funktionale Industriestadt "für Menschen mit modernen Nerven und mit Körpern zäh wie Leder und flink wie Maschinen", wie der tschechische Autor Jan Tabor schreibt. In den zwanziger Jahren begann Tomas Bat’a mit der Massenproduktion von Stiefeln und Pumps und verhalf der tschechischen Schuhindustrie zu europaweiter Bedeutung.

Auch heute noch überragt das schlichte, rote Verwaltungsgebäude der Schuhfabrik die Stadt. Die besten tschechischen Architekten hatten es während der Aufbruchzeit nach dem Ersten Weltkrieg im Bauhausstil geplant, genauso wie die kubusförmigen Häuser aus unverputzten Ziegeln, die Tomas Bat’a für seine Arbeiter bauen ließ. Die strenge Sachlichkeit der roten Gebäude prägt Zlín auch nach vierzig Jahren kommunistischer Herrschaft, nur am Stadtrand zeugen graue Häuser in sozialistischer Plattenbauweise vom Erbe der Planwirtschaft.

Die Spuren des Sozialismus