Die Demonstration am Brenner für einen "Freistaat Tirol" blieb ohne Resonanz

Bozen, im September

Es war schon ein ziemlich lautes "Nachdenken über Tirol", zu dem sich mit dieser Parole ein paar tausend Menschen hoch über der Grenzstation am Brennerpaß versammelten. Ein "Initiativkomitee Junges Tirol" hatte dazu aufgerufen, politische Romantiker von rechts bis links, die sich eingeredet hatten, eine Demonstration lasse sich als Reflexion zelebrieren. Offenkundig aber hatte die Masse der jungen Leute des südlichen wie des nördlichen Tirol am vergangenen Wochenende anderes im Sinn als lautstarke "Denkarbeit" gegen eine "Unrechtsgrenze". Über diese rollten unten im Tal Europas endlose Urlauberkarawanen, vorbei an gelangweilten italienischen und österreichischen Grenzhütern.

"Es blutete der Brüder Herz, ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz", so tönte auch hier wieder einmal die Andreas-Hofer-Hymne in die Lüfte. Aber der Text täuschte wie so manches andere. Auf dem Spruchband "Los von Rom und los von Wien, sonst ist das ganze Land’l hin" hatten besorgte Gendarmen den Namen der Donaumetropole einschwärzen lassen. Damit er besser zu dem anderen Ungereimten paßte, was sich da sehen und hören ließ?

Da glauben doch wirklich einige europäisch-grün eingefärbte Nationalromantiker, die "bedeutenden Veränderungen in Mittel- und Osteuropa" könnten auch ein Signal zur "Schaffung einer Europäischen Region Tirol" von Kufstein bis Trient werden – "auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes, aufbauend auf dem Schweizer Modell". So hieß es in einer Resolution, um deren Wortlaut bis zuletzt so geheimnisvoll gerungen wurde, als gelte es einen dramatischen Rütli-Schwur vorzubereiten. Schon sahen national erregbare Italiener ein "kroatisches Gespenst" aufziehen: Tiroler Schützenkompanien als Nationalgarde, die nicht mehr – wie die friedlichen Schweizer – das Gewehr im Schrank läßt...

Südtirol – noch ein europäischer Unruheherd? Aufgeworfen hatte die Frage ein vertraulicher, doch in die Öffentlichkeit gezielter Brief des Abgeordneten Willeit, der von seiner Südtiroler Volkspartei (SVP) eine Kursänderung verlangte: Es sei nun "höchst an der Zeit", in Rom auf das Selbstbestimmungsrecht zu pochen, sich also nicht mehr nur mit der Autonomie zu begnügen. Parteichef Roland Riz, taktisch noch wendiger als sein Vorgänger Magnago, zuckte scheinbar erschrocken zusammen – und nutzte die Gelegenheit: Falls Italien jetzt, 21 Jahre nach dem Autonomiestatut, die restlichen Durchführungsbestimmungen (es handelt sich um 4 von 133) weiter verzögere und versuche, "uns zu übertölpeln", dann werde der SVP-Parteitag am 23. November "wissen, wie er sich zu verhalten habe".

Ein Ultimatum, das mit dem Zaunpfahl "Selbstbestimmung" wirkt? Grundsätzlich hat die SVP auf sie ohnehin nie verzichtet, doch Riz ist zu realistisch, um das Ziel mit dem Weg zu verwechseln. "Das Ausrufen des Selbstbestimmungsrechtes heute würde bedeuten, daß wir von der Europäischen Gemeinschaft weg zu einem Land wollen, das weder in der EG noch bei der Nato ist", sagte er am 5. September; es genüge, abzuwarten, bis Österreich 1995 in die EG gelange und "bis der mitteleuropäische Raum im Hafen des föderalistischen Europa der Regionen landet". Und überhaupt, räumte Riz ein, "hinkt doch der Vergleich mit Osteuropa, wo sich Völker aus Hunger und Knechtschaft befreiten".