Von Hans-Martin Lohmann

Die Akademisierung der älteren Kritischen Theorie, welche einmal die Kritik des Geistes, zumal des akademisch kasernierten, auf ihr Programm gesetzt hatte, schreitet unerbittlich voran. Was für die jüngere Kritische Theorie in Gestalt von Jürgen Habermas, Karl-Otto Apel und ihren Schülern ohnehin selbstverständlich ist – nämlich Anschluß an den akademischen "Diskurs" zu finden und damit reputierlich zu werden –, wird nun auch an Theodor W. Adorno exekutiert. Nicht länger soll dieser, nachdem er noch vor zwanzig Jahren als Enfant terrible galt, an dem sowohl die verschreckten Bürger als auch die rebellischen Studenten Anstoß nahmen, außen vor bleiben. "Er sei unser", lautet die Devise der universitär verfaßten Kritischen Theorie.

Einen neuen Gipfel dieser Dialektik der Aufklärung, auf dem Aufklärung abermals in Mythologie umzuschlagen droht, markiert Hauke Brunkhorsts Studie über Adorno und die "Dialektik der Moderne". Was bei Adorno, ganz unakademisch, als Kritik der Gesellschaft daherkommt und auch so gemeint ist, verwandelt sich in Brunkhorsts Darstellung in ein abstraktes Theoriegebäude zurück, in dem alles Anstößige, Subversive, eben "Nichtidentische" im Sinne Adornos bis zur Unkenntlichkeit sublimiert ist. Nun wird man zwar einwenden können, Adorno sei selber Professor gewesen und habe sich jede erdenkliche Mühe gegeben, in der akademischen Klasse, die ihm vor und nach seiner Emigration nicht gerade wohlgesonnen war, Fuß zu fassen und von Kollegen anerkannt zu werden. Dieser Einwand ist so richtig wie der, daß Adornos Publikationen mit größter Leichtigkeit jenen Standards Genüge tun, die im universitären Raum als verbindlich gelten.

Dennoch sprengt der Intellektuelle, der Adorno par excellence war (was auch Brunkhorst sieht), mit jeder Zeile seines weitgespannten Werks den Bann des Akademischen. Die oft beklagte Esoterik seiner Schriften – daß man Adorno nicht lesen könne, gehört zu den verbreiteten Klischees über ihn – ist nicht etwa Reflex einer Überanpassung an die herrschenden Normen des Wissenschaftsbetriebs. Im Gegenteil: Was an Adorno als esoterisch registriert wird, ist in Wahrheit eine intime Nähe zu den Erkenntnisobjekten, die sich der Homo academicus in der Regel versagt und die ihm deshalb fremd sein muß. Wollte man es zugespitzt ausdrücken, müßte man sagen, Adorno sei so sehr Esoteriker, daß er von den Vertretern der akademischen Zunft, deren Blick durch die normativen und zumeist unreflektierten Vorgaben des akademischen Betriebs vielfach gebrochen ist, nicht anders als esoterisch wahrgenommen werden kann.

Was macht Brunkhorst mit dem Intellektuellen Adorno? Nach schlechter Manier steckt er ihn in eine Schublade – irgendwo zwischen Freud und Piaget, Marx und Habermas, Nietzsche und Heidegger, Lyotard und Rorty. Damit mag es ja seine Richtigkeit haben, und vor allem weiß der lernbegierige Philosophiestudent jetzt, wie er Adorno auf dem unübersichtlichen Feld der modernen Geistesgeschichte "verorten" kann. Aber was ist damit gewonnen?

Ironischerweise versteht Brunkhorst seine gelehrte Untersuchung, die in erster Linie etwas über das Lesepensum ihres Autors aussagt, als Versuch, das Unbotmäßige und Negativistische an der Adornoschen Theorie, sozusagen ihren harten und schwarzen Kern, der den jüngeren Platzhirschen der Kritischen Theorie schon lange ein Dorn im Auge ist, zu retten. Dieser Rettungsversuch besteht darin, das, was sich Adorno zufolge an der Grenze des Begriffs bewegt, was sich, als Erfahrungsmaterial, begrifflicher Rationalisierung nicht ohne weiteres zugänglich zeigt, gleichwohl zu rationalisieren. Unter dem problematischen Titel einer "Dialektik", welche die heteronomen Erfahrungen und Sachverhalte so verflüssigen soll, daß sie am Ende untereinander vermittlungsfähig sind, präsentiert uns Brunkhorst das ehrgeizige Programm einer "Rationalität des Nichtidentischen", wie es vor ihm bereits Anke Thyen formuliert hat.

Eine solche "Rationalität des Nichtidentischen" kann aber nur gefordert und theoretisch eingelöst werden, wenn man den stockmaterialistischen Erfahrungshintergrund der Adornoschen Theorie aus dem Blick verliert. Eine sensible, auf den unkorrumpierten Materialismus der "Minima Moralia" oder der "Negativen Dialektik" sich einlassende Lektüre vermag aber gerade zu zeigen, daß Rationalität bei Adorno – und er war nun wirklich ein Meisterdenker der Dialektik – immer dort an ihre Grenzen stößt, wo die opake Materialität des "Nichtidentischen" ins Spiel kommt. Gewiß hat auch Adorno, und zwar mit der größten Hartnäckigkeit, versucht, diese Grenzen hinauszuschieben, sie durchlässiger zu machen und damit dasjenige, was jenseits von ihnen liegt, begrifflicher Verfügung zu öffnen; aber ebenso deutlich ist doch, daß er dem "Nichtidentischen" ein Eigenrecht läßt.