Schon der Titel ist Programm: Hinweis und Schabernack zugleich. "Mortal Thoughts": das spielt an auf die Ursprünge krimineller Geschichten, auf den Hokuspokus der Groschenromane. Gleichzeitig deutet es auf die Urheber dahinter: Wer hat tödliche Gedanken, wer macht sie sich? Wie immer bei Alan Rudolph muß man alles in seinem Doppelsinn goutieren. Was, wenn nur er es ist, der tödliche Gedanken hegt und pflegt?

Eines langen Tages Reise in die Nacht. Oder: die Geschichte eines langen Verhörs. Es geht um Ehe und Krieg, um Freundschaft, Vergnügen und Mord. Eine Frau, Cynthia (Demi Moore), nimmt Platz und beginnt zu erzählen: von ihrer Freundin Joyce (Glenne Headly) und deren Macho-Mann James (Bruce Willis). Ihr gegenüber: zwei Polizisten, die zuhören, und dahinter eine Videokamera, die ihre Aussagen protokolliert. Erste Fragen, erste Antworten: Wie alles angefangen habe? Was genau passiert sei? Und wann es begonnen habe mit den Streitereien? Er müsse schon zwischen den Zeilen lesen, belehrt Cynthia einmal den Polizisten (Harvey Keitel). Dieser Verweis ist auch an uns Zuschauer gerichtet.

Natürlich könnte man das Ganze auch einfach erzählen, als Alltagsgroteske, die zur Tragödie wird. Zwei Männer, zwei Frauen, das ist die Ausgangsposition. Dann der Konflikt: James läßt sich gehen, nörgelt, säuft, kifft, schlägt. Joyce schreit und schimpft, Cynthia tadelt und mahnt. Keine Besserung. Eines Abends, nach einem Bummel über den Rummelplatz, liegt James dann blutüberströmt hinten im Transporter der beiden Frauen. Ein langer Blick, dann werfen sie ihn irgendwo am Straßenrand in die Böschung – und kümmern sich nur noch um die Beseitigung ihrer Spuren, mit Wasser und Feuer.

So erzählt, klingt das, wenn auch etwas langweilig und dröge, wie eine richtige Geschichte: mit klassischem Aufbau und sorgsam gezeichneten Charakteren, die das Drama ausfüllen und entwickeln. Die Episoden auf eine Linie gebracht, das wirkte,, als ob alles natürlich wäre, so, als verstünde sich alles von selbst. Bei Rudolph aber versteht sich nichts von selbst. Sein Kino gehört in die Tradition der "Getriebenen, die ihre eigene, auch unbekannte Wahrheit suchen müssen". "Die wahre Gewalt", hat Roland Barthes einmal bemerkt, sei "die des Das-versteht-sich-von-selbst".

"Gewalttätig" sei, "was evident ist".

Jeder neue Film von Alan Rudolph, dem neben Jim Jarmusch wichtigsten Autor des amerikanischen Erzählkinos, ist ein Fest des Wagemuts. Nichts interessiert ihn weniger, als zu variieren, was er schon beherrscht. Seine Bilder gelten als hyperrealistisch; aber festlegen läßt er sich darauf nicht. Mal übertreibt er den Effekt, der die Stilisierung zuspitzt; mal sucht er den ungewohnten Bezug, der den realistischen Kern untergräbt. Wie Bild zu Bild sich fügt und doch unentwegt harte Reibungen entstehen, das ist Rudolphs wahre Obsession, darum dreht sich in seinem Kino beinahe alles – von "Welcome to L.A." (1977) über "Choose Me" (1984) bis zu "The Modems" (1987) und "Love at Large" (1990).

In "Mortal Thoughts" ist Rudolph eingesprungen, als Ersatz für Claude Kerven, der mit dem Projekt nicht zurechtkam. Er arbeitete im Grunde als beauftragter Regisseur, als Angestellter. Und doch schrieb er dieser Geschichte seinen Blick ein, seine besondere Perspektive, seine besondere Haltung. Er veränderte eine simple Story zu einer entschiedenen Reflexion über das filmische Erzählen ganz allgemein.