Die Modernisierung des spanischen Südens vollzieht sich im Tempo der Immobilienspekulation und mit der Unerbittlichkeit der Planierraupen und Kletterkräne. 1992 soll Andalusien das Kalifornien Europas geworden sein.

In einem der besten Bücher zum Thema, "Andalusische Ansichten", polemisiert der andalusische Schriftsteller und Journalist Antonio Munoz Molina gegen die barbarische Entwicklungswut, die in der Expo-Stadt Sevilla die Errichtung eines Turmes aus Eis vorsieht, aber das Renaissancekloster Santa Clara in seiner Geburtsstadt Ubeda dem Verfall preisgeben will. Mit der Wut der Liebenden zieht er über die offizielle Beschönigungssprache her, die Zigtausende von Bettlern transeuntes (Durchreisende) und eine Arbeitslosigkeit von dreißig Prozent Funktionsstörung nennt. "Dörfer, in denen es bis vor zehn Jahren noch stolzen gewerkschaftlichen Kampfgeist gab, sind ausgehöhlt von der Verzweiflung, die mit dem Heroin kommt; dieses Heroin vergiftet gleichermaßen die Armut im Elendsviertel in Sevilla und den chaotischen Wohlstand von Egido, wo es mehr Spielkasinos, illegales Glücksspiel, Bankbüros und Straßenbordelle gibt als in den Dörfern des wilden Westens während des Goldrauschs, dafür aber annähernd diesselbe Sozialstruktur."

Munoz Molina plädiert gegen die "Verschrottung des Südens" für "ein anderes Andalusien, gebildet und weltlich, [...] in einem ruhigen Gleichgewicht zwischen Ausbrüchen des Lachens und der Verrücktheit, in der Erkenntnis des Lichts ebenso geschult wie im Umgang mit der Dunkelheit".

Auf der Suche nach diesem verborgenen Süden sind auch die anderen Beiträge der "Andalusischen Ansichten". Als Jugendlicher erlebte der Katalane Juan Goytisolo Andalusien als rückständige Randzone. Für ihn war Andalusien so lange "der analphabetische Hilfsarbeiter und der Guardia Civil Polizist, der Gürtel aus Laster, Elend und Schmutz, der das Stadtzentrum Barcelonas umgab", bis er diese Sichtweise als Dünkel der industriell entwickelten Kapitale und als das Wunschdenken von Intellektuellen erkannte, die die Wirklichkeit ihres Landes nicht erkennen wollen.

Andalusische Ansichten sind fremde Blicke aufs Gewohnte, eingestandenes Befremden. Aus dem Speisewagen, den 1879 König Alfons XII. benutzte, blickt der 1975 im Zeitungsauftrag durchreisende Alfred Andersch auf ein Land im Regen und urteilt: "Von Isabella der Wahnsinnigen bis Franco ist spanische Geschichte eine Geschichte der sadistischen Perversion."

Gerald Brenan kam anders als Andersch, zu Fuß und im eigenen Auftrag. Er hatte das bigotte, puritanische und langweilige England der Nachkriegszeit satt und landete 1920 in den Alpujarras, jenem langgestreckten furchtbaren Hochtal, das zwischen der Sierra Nevada und den Küstenbergen liegt wie die Öffnung einer Kaurimuschel. Bis 1934 lebte er mit Unterbrechungen insgesamt sechs Jahre lang in dem Bergdorf Yegen und hat uns vermutlich die anschaulichste und entzückendste Darstellung des Landes "Südlich von Grenada" – so der Titel – hinterlassen, die es gibt.

Mit der Begeisterungsfähigkeit des Heimatflüchtigen und der Geduld des Ethnologen hat er sich den kleinen Dorfintrigen ebenso gewidmet wie der Beschreibung eigentümlicher Festivitäten und Produktionsverfahren. Mit ehrfürchtiger Ironie beschreibt er die Behandlung der empfindlichen Seidenraupen, die bereits beim leichtesten Geruch von gebratenem Fisch "gelb anlaufen und sterben". Bei Gewitter im Juni mußten die Züchter mit Blechdosen klappern, damit die sensiblen Raupen nicht aus Schrecken vor dem Donner den Kopf verdrehten und den Seidenfaden abrissen. Brenans andalusisches Dorf ist keine Idylle. Eifersuchtsdramen, Krankheit und Tod registriert der Beobachter ebenso wie den Auftritt einer Wanderbühne, die die Dorfbewohner "Puppenspiel" nennen nach dem einzigen Begriff von Theater, über den sie in ihrer abgeschlossenen Welt verfügen.