Ein Börsentip im Fernsehen endete für viele Anleger mit einem Fiasko

Ein Hauch von Wildem Westen wehte durch die kleine Berliner Börse, als im März die Aktien der Atlanta Gold Corporation in den freien Handel eingeführt wurden. Die Firma war im amerikanischen Idaho angeblich auf gewaltige Goldvorkommen gestoßen und suchte jetzt nach Investoren, die ihr die Förderung finanzierten. Zunächst reagierten die meisten Börsianer skeptisch. Erst als der Vertreter einer angesehenen großen Bank im Fernsehen Riesengewinne prophezeite, schwanden die Bedenken. Ein kleines Goldfieber brach aus, Hunderte von Anlegern folgten dem Lockruf. Doch wie so oft folgte auch diesmal dem heißen Tip die kalte Dusche. Viele private Anleger verloren Geld.

Ge- und verkauft werden die Anteilscheine der kanadischen Goldsucherfirma Atlanta wie viele Aktien kleiner Gesellschaften im sogenannten Freiverkehr. Eine amtliche Kursfeststellung findet hier nicht statt, der Handel läuft ausschließlich über Banken und freie Makler. Die Titel des Freiverkehrs sind zwar nicht per se weniger seriös als die amtlich notierten. Aber sie sind schon deshalb riskanter, weil hier oft schon relativ geringe Kauf- oder Verkaufsaufträge zu größeren Kursausschlägen führen. Überdies mischen sich manchmal Schummelwerte unter den Markt, da die Zulassungsbestimmungen relativ lax sind. Sachkenner berichten, daß bei zwielichtigen Auslandsfirmen insbesondere der Freiverkehr an den Börsen von Berlin und Stuttgart beliebt ist.

All dies hätte die späteren Opfer des Atlanta-Gold-Skandals eigentlich zur Vorsicht mahnen müssen. Doch sie haben sich offenbar von der Seriosität jener blenden lassen, die eifrig die Trommel für Atlanta Gold rührten. Viele der Geschädigten waren Zuschauer der Sendung 3Sat-Börse, die der Satellitenkanal freitags abends ausstrahlt. Darin waren Anfang des Jahres die Berliner Bank, die Gotthard-Bank sowie die Düsseldorfer Deutsche Apotheker- und Ärztebank zu einem Wettstreit angetreten. Es galt, von Februar bis Juli 1991 mit einem Grundkapital von 100 000 Mark möglichst große Gewinne am Aktienmarkt einzufahren. Derartige Spiele sind beim Publikum beliebt, geben sie doch Einblick in die Anlagestrategien professioneller Börsianer. Und mancher erhofft sich Anregungen für die eigene Anlagepraxis.

Die Geschichte begann, als der Vertreter der Berliner Bank, der Frankfurter Wertpapierhändler Klaus Werm, sich im Rahmen des Börsenspiels ein dickes Paket Atlanta Gold ins Depot legte. Damals stand der Kurs deutlich unter zwei Mark. Werm lobte den Titel in wärmsten Tönen und stellte eine Verdreifachung des Kurses in Aussicht. Offenbar beeindruckte er viele seiner Zuschauer. Schließlich war Werm nicht igendwer, sondern hinter ihm stand mit der Berliner Bank eines der acht größten Kreditinstitute der Bundesrepublik.

Auch die Fakten schienen für die Goldaktie aus Kanada zu sprechen. Atlanta war bei Probebohrungen im amerikanischen Bundesstaat Idaho auf beachtliche Goldvorkommen gestoßen. Gemeinsam mit einer der größten Förderfirmen Amerikas, der Newmont Exploration Limited, sollte der Fund genauer untersucht werden. Die meisten deutschen Anleger erfuhren jedoch nicht, daß der relative Goldgehalt recht gering und das Gestein arsenhaltig ist. Beides verteuert die Produktion erheblich. Nur bei deutlich anziehenden Goldpreisen würde sich eine Förderung lohnen, hatte ein amerikanischer Börsendienst gemeldet. Am Aktienmarkt von Toronto, der Mutterbörse von Atlanta Gold, war dies bekannt. Mit Erstaunen beobachtete man deshalb in Kanada, wie in Deutschland die Nachfrage nach Atlanta Gold wuchs und der Kurs kräftig anzog. Bald wurde der Kurs dieser Aktien nicht mehr in Toronto, sondern in Berlin gemacht. Recht schnell kletterte er über drei Mark. Atlanta Gold war damit höher bewertet als vergleichbare Goldminen, die bereits Gewinne erwirtschafteten, etwa die bereits seit langem produzierende Royal Oak. Besorgt über diese Entwicklung verbreitete deshalb die Frankfurter Niederlassung des großen kanadischen Brokerunternehmens Richardson Securities im April eine ernste Warnung: Fundamental sei die kräftige Kurssteigerung "kaum gerechtfertigt". Doch Klaus Werm blieb unbeeindruckt. Er bekräftigte im Fernsehen sogar noch einmal seine Liebe zu Atlanta und setzte sein Kursziel auf sechs Mark.

Jetzt ging die Rallye erst richtig los. Die Berliner Tagesumsätze des kanadischen Hoffnungswertes erreichten eine Million Stück – bei einer Gesamtzahl von nicht einmal dreizehn Millionen vorhandenen Aktien eine enorme Summe. Der Kurs schnellte bis auf über 4,50 Mark. "Berliner im Goldrausch", schrieb die Bild- Zeitung und heizte die Nachfrage an.