Düsseldorf

Nordrhein-Westfalens Kultusminister Hans Schwier mag sich in diesen Tagen fühlen wie Goethes Zauberlehrling. Die Geister, die er rief, erschienen im Oktober 1990 in Gestalt der Mitarbeiter der Kienbaum Unternehmensberatung GmbH Düsseldorf und begannen in seinem Auftrag mit einer "Organisationsuntersuchung im Schulbereich". Jetzt sind sie fertig, und weit und breit ist kein Hexenmeister in Sicht, der den Zauberlehrling davor bewahren könnte, von den Wogen der Entrüstung verschlungen zu werden.

Friedhelm Fahrtmann, Parteigenosse Schwiers, Fraktionsvorsitzender und starker Mann der SPD im Düsseldorfer Landtag, habe "vor Vertrauten" verkündet, "Schwier müsse jetzt weg", berichtete der Spiegel. Die CDU-Opposition sagt, das Kienbaum-Gutachten sei "ein vernichtender Verriß für die gesamte Schulpolitik in Nordrhein-Westfalen", und fordert – wieder einmal – Schwiers sofortigen Rücktritt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wirft Schwier vor, daß er das Gutachten überhaupt in Auftrag gegeben hat und sieht darin eine Verschwendung von Steuergeldern. Nur der Philologenverband gibt sich vergleichsweise moderat, aber auch die Gymnasiallehrer "freuen sich auf die Auseinandersetzung mit dem Minister". Dabei war es bisher wohl kaum jemandem möglich, die gesamte Analyse gründlich zu studieren. Sogar über den Umfang des dickleibigen Konvoluts besteht bei den schnellen Kommentatoren noch Unklarheit. Der Spiegel spricht von 800 Seiten, der Philologenverband von 600, und aus dem Landtagsausschuß für Schule und Weiterbildung hört man, es seien mehr als 1000. Erst in der zweiten Septemberwoche wurde den Mitgliedern des Ausschusses eine Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse auf 14 Seiten vorgelegt.

Das "Management Summary" der Kienbaum GmbH beginnt mit einer Feststellung, die niemanden überraschen kann, der auch nur entfernt mit Schule zu tun hat. "Das derzeitige System der Lehrerbedarfsplanung und -deckung ist nicht in der Lage, seine Zielsetzung angemessen zu erfüllen und Unterrichtskürzungen und -ausfälle zu vermeiden. Bei einer Fortführung des Systems ... ist vielmehr damit zu rechnen, daß sich die Situation in Hinblick auf Unterdeckung des Bedarfs noch erheblich verschlechtert." Die Wirtschaftsberater konstatieren dann "bei Erfüllung aller in NRW rechtlich festgelegten Anforderungen" eine "Unterdeckung" von 17 000 Lehrerstellen. Auch das ist keine neue Erkenntnis. Frühere, von den Finanzverwaltern allerdings angezweifelte Berechnungen der Lehrerverbände waren zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen.

Hätte die Kienbaum-Truppe an dieser Stelle aufgehört zu rechnen, wäre der Minister möglicherweise trotz der erschreckenden Zahl nicht unglücklich gewesen. Von neutralen Wirtschaftsexperten ermittelt, hätte sie seiner Forderung nach mehr Lehrerstellen sogar Auftrieb gegeben.

Die Unternehmensberater aber rechneten weiter. Sie stellten fest, unter Berücksichtigung der relativen Finanzposition Nordrhein-Westfalens – das heißt wohl, im Vergleich mit anderen Bundesländern – gehe die "Unterdeckung" des Lehrerbedarfs "gegen Null", die "Finanzierung der bestehenden Bedarfsparameter" müsse aber zu jährlichen Mehrkosten von 2,25 Milliarden Mark führen. Sie folgern: "Das System benötigt, um seine Funktionsfähigkeit wieder herzustellen, eine Grundsanierung."

Die anschließenden Sparvorschläge können im Kultusministerium kaum Freude auslösen. Zum einen zeigt ihre sprachliche Fassung, daß der Deutschunterricht im Lande schon vor Jahren, als die Düsseldorfer Wirtschaftsakademiker noch die Schulbänke drückten, herzlich schlecht gewesen sein muß; zum anderen kann man vermuten, daß er noch viel schlechter werden wird, wenn der Kultusminister den Vorschlägen folgt. Der dickste Batzen für die Spardose soll durch die "Rückführung der Ansprüche der Nutzer" erwirtschaftet werden. Kleine Schulen sollen geschlossen, die Zahl der Schüler pro Klasse und Kurs erhöht, die Stundentafeln um eine Wochenstunde gekürzt werden. Lehrer an Schulen des zweiten Bildungswegs sollen mehr unterrichten, die der anderen Schulformen mit Ausnahme der Hauptschulen von Verkürzungen der Arbeitszeit vorerst ausgeschlossen bleiben.