Jetzt, da die Kommunistische Partei nicht mehr existiert, müssen sich die Sowjetbürger auch darüber Gedanken machen, wie sie es mit der gegenseitigen Anrede halten sollen. Der "Genosse" (russisch: towarischtsch) dürfte ausgedient haben, obwohl Michail S. Gorbatschow die Mitglieder des inzwischen aufgelösten Kongresses der Volksdeputierten noch in der vergangenen Woche so anredete.

Einwände gab es nicht, was daran liegen mag, daß 87,6 Prozent der Abgeordneten Parteimitglied waren, als sie gewählt wurden. Genaugenommen durften nur sie mit "Genosse" betitelt werden, obwohl es, in Ermangelung eines besseren Wortes, allgemein üblich war, jeden Sowjetbürger als Genossen zu bezeichnen.

Vorbei, vorbei. In vielen Fällen handelt man sich heute bei dieser Anrede unweigerlich die frostige Antwort "Ich bin nicht Ihr Genosse" ein – was aber sind die Russen nun?

Das Problem besteht darin, daß seit der Oktoberrevolution von 1917 die früher üblichen Anreden nicht mehr benutzt wurden. Neben manch anderem, was die Kommunisten anpackten, war auch dem Versuch, die unterschiedlichen Titel und Anreden als "Relikte des Kapitalismus" abzuschaffen, wenig Erfolg beschieden. "Mit dem Sieg des Sozialismus", so das "Sowjetische Philosophische Wörterbuch", "durchdrangen erstmals kameradschaftliche Bindungen die Gesellschaft als Ganzes. Diesen Sachverhalt bringt die Anrede Genosse in der sozialistischen Gesellschaft exakt zum Ausdruck." Wie sich im kommunistischen Alltag zeigte, traf das so ganz nie zu – und nun ist es vorbei.

"Junger Mann!" ("molodoi tschelowek!") herrschte eine gestreßte Stewardeß der Aeroflot einen nicht mehr jungen und nicht mehr dünnen Passagier auf einem Flug nach Tiflis an, der die junge Frau geflissentlich übersah und sich weigerte, vor dem Start seinen Sitzplatz einzunehmen. Erneuter Versuch: "Mann!"; da ließ er sich endlich nieder.

Vor dem Start beim Rückflug nach Moskau murmelte der Chefsteward mit einem Lächeln vor sich hin: "gospodin, gospodin ..." (deutsch: Herr). Bei der Begrüßung der Passagiere stellte er dann, zur Erheiterung der Stewardessen, den Kapitän des Flugs 938 als "Herrn Sinelnikow" vor. Bislang wurden nur Ausländer mit dieser Anredeform bedacht.

Das weibliche Pendant zu gospodin ist gospoza (Frau). Im Russischen haben diese beiden Wörter eine Art adligen Beigeschmack und entstammen derselben Wurzel gospod für "Herr und Gott". "Selbstverständlich sind wir nicht Herren über irgend etwas, sondern von gar nichts – völlig mittellos", resümierte N. Andrejew vergangene Woche in der Iswestija die unbefriedigenden Anredezustände.