Ostdeutsche Profile

Ernst Elitz ist TV-Chefredakteur beim Stuttgarter Südfunk. Regelmäßig handelt er sichmit kommentierenden Äußerungen öffentlichen Ärger ein, was nur für ihn spricht. Als einer, der am Ostberliner Prenzlauer Berg aufwuchs, unterhält er trotz seines schwäbischen Wohnsitzes sentimentale Bindungen nach Ostelbien. Heraus kam ein Büchlein mit dem etwas biederen Titel "Sie waren dabei": Neunzehn Biographien von Leuten der Ex-DDR, die an den gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten zwei Jahren beteiligt gewesen sind.

Neunzehn Lebensläufe hintereinander einfühlsam, resümierend und nachdrücklich zu erzählen, bedarf es einiger handwerklicher Fertigkeit. Mir fielen als vergleichbares Unternehmen die "Schattenbilder" des Herbert Eulenburg ein, die zu ihrer Zeit ziemlich verbreitet waren, sich heute aber eher unergiebig lesen. Ob Ernst Elitz die publizistischen Risiken seines Unterfangens ganz bewußt wurden, als er es einging, ist nicht zu erkennen, und nicht in jedem Falle ist das Ergebnis von einer Art, daß es einem raschen Verfallsdatum widersprechen kann.

Zu mancher der behandelten Figuren kommt dem Autor trotz der Bekundungen persönlichen Augenscheins nämlich nicht viel mehr bei, als auch die zugänglichen biographischen Archive und Nachschlagewerke mitteilen. Über die eine und andere unter ihnen möchte man viel mehr sowieso nicht erfahren, was macht: Ernst Elitz hat unter seine neunzehn ein paar politische Fliegengewichte aufgenommen, zum Beispiel Christine Bergmann-Pohl oder Markus Meckel. Sie aber, was durchaus möglich gewesen wäre, als Modelle für die beklagenswerte Hilflosigkeit der neuen politischen Klasse im deutschen Osten beispielhaft vorzuführen, ist der Autor zu höflich.

Die Portraits von Egon Krenz und Ibrahim Böhme sind die längsten und weitaus besten Beiträge des Bandes. Biographische und psychische Deformationen werden in beiden Fällen nicht unterschlagen, sie werden auch nicht entschuldigt, nur exakt beschrieben, und da auf einmal dämmert etwas auf von der Tragödie dieser friedlichen deutschen Revolution, die, statt einer überzeugenden Erneuerung, bloß eine hastige Konkursverwaltung wurde. Rolf Schneider

  • Ernst Elitz:

Sie waren dabei

Ost-deutsche Profile von Bärbel Bohley zu Lothar de Maizière; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1991; 224 S., 28,– DM