Es gibt in der Tat Wichtigeres als die Villa Massimo in Rom. Der Streit über die Fähigkeit oder Unfähigkeit der Direktorin Elisabeth Wolken ist steinalten Datums, und die Tatsache, daß er in diesem Sommer mit dem Protestschreiben der Schriftsteller Klaus Modick, Hanns-Josef Ortheil und Richard Wagner einen neuen Höhepunkt erreicht hat ("Notstand: Villa Massimo", ZEIT Nr. 37), müßte keinen Hund und nicht einmal die Hunde der Familie Wolken, von denen die Beschwerdeführer vermelden, sie kackten (naturgemäß! d. Red.) auf die Wiesen und Wege des Parks, hinterm Ofen hervorlocken.

Eine römische Burleske. Einerseits. Andererseits ist die Villa Massimo eines der berühmtesten deutschen Kulturinstitute. Andererseits kostet sie den Bund jährlich zwei Millionen, und die Länder, denen die Finanzierung der Stipendien obliegt, noch mal ein paar hunderttausend. Einerseits sind Künstler notorisch schwierige Gesellen, und wenn wir Elisabeth Wolken als eine Art Herbergsmutter betrachten, dann dürfen wir annehmen, daß sie es nie allen recht machen kann. Andererseits versteht sie sich selber eben nicht als Herbergsmutter, eben nicht als eine Sachwalterin, die für das Wohlergehen und für die Arbeitsmöglichkeiten der Künstler zuständig ist. Genau da liegt der Hase (von dem die Beschwerdeführer vermelden, er werde von den Wolkens in einem als Privatzoo mißbrauchten Teil des Parks nebst Ziegen und Hühnern gehalten) im Pfeffer.

In der ARD-Sendung Kulturreport sagte sie, sie könne nur auf konkrete Vorwürfe antworten. Konkreter als Hund und Hase geht’s nicht. Der Hauptvorwurf lautete, sie mißbrauche Villa und Park zur eitlen Repräsentation zwecks Selbstdarstellung. Exakt dies bestätigte sie in aller Naivität mit dem Satz: "Ich repräsentiere die Bundesrepublik Deutschland in Rom, und deshalb bin ich verpflichtet, Einladungen an Minister zu geben."

Wer einer derartigen Selbsttäuschung erliegt, wer nach rund 25 Jahren seine Dienstverpflichtung immer noch nicht begriffen hat, der sollte sich dem von Stipendiaten schon häufiger empfohlenen Rücktritt etwas aufgeschlossener zeigen. Die Villa Massimo ist nicht ein Institut auswärtiger Kulturpolitik, sondern eines der innerdeutschen Künstlerförderung. Für die Repräsentanz der Bundesrepublik in Rom sind die Botschaft und das Goethe-Institut zuständig, niemand sonst.

Das Mißverständnis ist familiengeschichtlichen Ursprungs. Elisabeth Wolken ist die Urenkelin des Mäzens Eduard Arnhold, der die Villa 1910 für bildende Künstler errichten ließ. Die Leitung des Unternehmens lag immer in Familienhänden, bis heute. Das mag in Elisabeth Wolken die Vorstellung nähren, sie sei die Vollstreckerin des urgroßväterlichen Willens, der deutschen Kultur in Rom Heimstatt und Geltung zu verschaffen. Heute jedoch gehört die Villa dem Bund, und Frau Wolken ist nichts als eine Angestellte desselben. Daß ihre Dienstwohnung die des Bundespräsidenten an Schönheit übertrifft, trägt zu dem Irrtum bei, sie sei der kulturelle Außenposten Deutschlands in Rom.

Erstaunlich ist, daß bislang jede Kritik an ihrer Amtsführung (und diese Kritik ist ebenso alt wie Frau Wolkens Dienstzeit) leidenschaftliche Gegenkritik auf den Plan rief. So auch diesmal, da die Schriftsteller Rolf Hochhuth, Bodo Kirchhoff und Gerald Zschorsch Frau Wolken gegen die kritischen Kollegen verteidigen. Selbst wenn wir unterstellen, Mißgunst und Intrige spielten die gewöhnliche Rolle, so bleibt als Fazit, daß die polarisierende Kraft Elisabeth Wolkens größer ist als ihre integrierende. Das spricht nicht für sie.

Das Innenministerium gibt zu erkennen, daß ihm die Affäre inzwischen unangenehm genug ist, um auf Abhilfe zu sinnen. Denkbar wäre eine Stiftung nebst Kuratorium, das einen künstlerischen Leiter für befristete Zeit bestimmt. Jeder Goethe-Chef im Ausland, und sei er noch so erfolgreich, weiß, daß ihm keine Sinekure zuwächst, weil er nach längstens sieben Jahren seinen Posten wechseln muß. Damit wären Cliquenbildung und Erbhofdenken vermieden. Hase und Hund wären erträglicher, wenn man wüßte, sie blieben nicht für ewig. Ulrich Greiner