Von Maria Huber

Einen Monat nach dem gescheiterten Putsch in Moskau wächst schon wieder die Furcht vor sozialen Unruhen und einem neuen Umsturz: Die Reaktionäre haben zwar den Kampf um die Macht verloren, aber die Demokraten haben ihn nicht gewonnen. Die Demokraten sind vor allem weit davon entfernt, die Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen und die Versorgung der Bevölkerung zu stabilisieren.

Um die Gefahr einer Diktatur zu bannen, verfolgen Moskaus Reformkräfte drei Strategien: Sie werben um Winterhilfe bei der EG, in den Vereinigten Staaten und in Asien. Sie bereiten den Vertrag einer Wirtschafts-Gemeinschaft für die Nachfolgestaaten des Sowjetimperiums vor. Und sie beginnen mit marktwirtschaftlichen Reformen in Moskau, St. Petersburg und anderen Teilen Rußlands.

Hinter den drei Krisenprogrammen verbergen sich verwirrende Vorstellungen von der Normalisierung des Lebens. Sie überdecken kaum die bitteren Kämpfe um die beste Stellung der jeweils repräsentierten politischen Kraft oder Republik im In- und Ausland. Denn der Ausbruch aus der Isolierung garantiert noch keinen Platz an der Sonne. Die Integration in die Weltwirtschaft scheint denjenigen am leichtesten zu gelingen, die Rohstoffe anbieten können. Die am wenigsten entwickelten Regionen der Sowjetunion und ihre nur beschränkt reformfreudigen Repräsentanten finden also am schnellsten eine Chance, ihren Wohlstand mit Hilfe des Weltmarkts aufzubessern. Erze und Erdöl bringen Devisen, selbst bei Dumpingpreisen.

Die verarbeitende Industrie ist international hingegen selten wettbewerbsfähig, also für längere Zeit auf den sowjetischen Binnenmarkt angewiesen. Eine Versorgungskatastrophe sehen Moskauer Fachleute in mindestens fünfzig Industriestädten voraus, die selbst auf dem Binnenmarkt ohne attraktive Angebote für Tauschgeschäfte dastehen: die Zentren der Schwer- und Rüstungsindustrie. Für sie ist Soforthilfe in Form von Lebensmitteln, warmer Kleidung und Medikamenten erforderlich.

In ihrer Sorge um die Zukunft der Demokratie und das eigene Schicksal wenden sich führende Persönlichkeiten an ihre Freunde in der Welt. Im Umgang mit westlichen Staatsmännern können sie sich als Partner fühlen, selbst wenn sie um Kredite und Lebensmittel bitten. Von den Alarmrufen der früheren Gorbatschow-Mitarbeiter Eduard Schewardnadse und Alexander Jakowlew erfuhr die sowjetische Öffentlichkeit nur das Nötigste. Iwan Silajew, Ministerpräsident der Russischen Föderation und amtierender Vorsitzender der Interimskommission für die operative Leitung der Sowjetwirtschaft, bat vergangene Woche die EG um zusätzliche 5,5 Millionen Tonnen Getreide, 800 000 Tonnen Fleisch, 900 000 Tonnen Zucker, 45 Milliarden Zigaretten und eine Reihe anderer Produkte.

Wie diese Zahlen entstanden sind, blieb im Nebel. Denn welches Versorgungsniveau ist nötig, um die Demokratien zu stabilisieren? Nicht einmal die Schätzungen über die verfügbaren Mengen von Grundnahrungsmitteln sind unstrittig. Doch wie schon seit Jahrzehnten gehen die Experten davon aus, daß zwanzig bis dreißig Prozent der Ernte die Regale der Städte gar nicht erst erreichen. In diesem Jahr ist denn auch nicht so sehr die unterdurchschnittliche Ernte das Problem als vielmehr die fehlende Vertragstreue gegenüber dem Staat. Von der zuletzt auf 200 Millionen Tonnen geschätzten Getreideernte haben die Kolchosen bislang nur fünfzig Tonnen an die staatlichen Abnehmer verkauft. Sie rächen sich damit für das miserable Angebot an Konsum- und Investitionsgütern. Zugleich spekulieren sie auf höhere Erlöse im kommenden Jahr.