Von Hanno Kühnert

Die Schriftstellerin Harriet Straub war eine ungewöhnliche Frau. Sie lebte von 1872 bis 1945, besuchte die ersten Gymnasialkurse für Frauen in Berlin, die die Frauenrechtlerin Helene Lange eingerichtet hatte, und studierte in der Schweiz und in Frankreich, weil im Deutschen Reich damals ein Frauenstudium fast unmöglich war. An der Sorbonne wurde sie zur Ärztin ausgebildet, danach lebte sie zehn Jahre in der Sahara – in medizinischen Diensten der französischen Regierung. Sie begann zu schreiben und publizierte im Laufe ihres Lebens, dessen letzte 35 Jahre sie in Meersburg am Bodensee verbrachte, vorwiegend in kleinen Zeitschriften. Erst heute graben Liebhaber und Heimatforscher die nachdenklichen und emanzipatorischen Werke der Afrika-Kennerin Harriet Straub wieder aus. Und dabei ist das faszinierende kleine Werk der Hedwig Mauthner – so ihr bürgerlicher Ehename – in die Mühlen des bundesdeutschen Urheberrechts geraten.

Ihr Buch "Wüstenabenteuer, Frauenleben", erschienen im Freiburger Kore-Verlag und sorgfältig herausgegeben von dem Germanisten Ludger Lütkehaus, soll eingestampft werden. Traute Hensch, die Verlagsinhaberin, ist verurteilt, das Bändchen nicht mehr zu vertreiben, die Auflage und die Abnehmer zu offenbaren und die restlichen Exemplare zu vernichten. Auch eine Verpflichtung zum Ersatz des Schadens hat das Landgericht Mannheim festgestellt.

Dieses Urteil (das noch nicht rechtskräftig ist) hat ein Emmendinger Heimatforscher erwirkt, der die Urheberrechte von Hedwig Mauthner innehat. Herbert Burkhardt, Kaufmann in einer Firma des Freiburger Herder Verlages, hat sich der Hedwig Mauthner angenommen, die in seinem Wohnort Emmendingen bei Freiburg geboren ist. Seit fünfzehn Jahren, sagt er, betreibe er seine Forschungen. Er habe Hunderte von Photos aus ihrer Zeit in der Sahara und wolle einen Text-Bild-Band machen, mit der Biographie, den Originaltexten und Kommentaren dazu. Das sei der Rahmen, der Hedwig Mauthner gebühre.

Bei seinen Recherchen stieß Burkhardt auf die Hamburgerin Felicitas Barg, eine alte Dame, die jetzt am Bodensee wohnt. Frau Barg hatte die Urheberrechte von Harriet Straub inne – der Meersburger Stadtpfarrer Restle hatte sie ihr vererbt. Er war ein Freund der Mauthners, die in dem idyllischen "Glaserhäusle" über Meersburg lebten. 1923 starb der Sprachphilosoph Fritz Mauthner, Harriet Straubs dritter Ehemann.

Die Witwe lebte weiter an dem berühmten Ort, den schon Annette von Droste-Hülshoff besungen hatte. Doch 1933 strichen die Nazis der "Witwe des Juden Mauthner" die Rente. "Weil ich durch die Ehe mit einem Juden meine deutsche Rasse verraten und geschändet habe, so wird mir meine Rente gerechterweise genommen", schrieb sie in bitterer Ironie. Der alte Freund Wilhelm Restle hatte das Glaserhäusle 1928 gekauft und ließ Hedwig Mauthner bis zu ihrem Tod 1945 darin wohnen. Deshalb hatte sie dem Pfarrer "die Verlagsrechte an meinen Büchern ..., den ganzen schriftlichen Nachlaß ... als kleinen Dank für die Opfer, die er der Erhaltung des Glaserhäusles gebracht hat", vermacht. Restle wiederum vererbte 1964 "alles, was ich noch hinterlasse", Felicitas Barg, ihrerseits Förderin des Glaserhäusles.

Da Burkhardt die Kosten seiner Recherchen als zu hoch empfand, beredete er Felicitas Barg: Es sei im Interesse der Harriet Straub, wenn Frau Barg ihm die Rechte überlasse. Zuvor hatte Burkhardt bereits Harriet-Straub-Texte ohne Erlaubnis von Frau Barg publiziert – so zum Beispiel "Die Araber in Algerien" und die "Ruppertsweiler Leut’" von 1912. Ebenso großzügig ging er mit Photos um, die ihm Felicitas Barg geliehen hatte. Felicitas Barg überließ ihm schließlich 1989 in einem Vertrag mit notariell beglaubigten Überschriften das Urheberrecht.

Kore, ein kleiner Frauenverlag, "der inzwischen kein Geheimtip mehr ist" (Frankfurter Rundschau), war an Harriet Straub und ihren Publikationen interessiert. Doch gefiel dem Mitarbeiter Ludger Lütkehaus gar nicht, wie provinziell und frömmlerisch Herbert Burkhardt seine "Dr. Hedwig Mauthner" betrachtete. Der Herder-Kaufmann machte aus seinem skeptischen und zeitlebens unbequemen Findling eine "ewig Suchende ... nach Erfüllung im christlichen Glauben". Er vernebelte in seinen biographischen Notizen, daß Harriet Straub zunächst in "wilder Ehe" mit Mauthner gelebt hat. Ihre Werke seien "wie mit einem ‚roten Faden‘ durchzogen von der Geisteshaltung als strenggläubige Christin, wobei sie oft an scharfer Kritik und leiser Ironie nicht spart".

Aber Maria Hedwig Luitgardis Straub war doch wohl anders gestrickt. Sie fühlte sich zur Moslem-Kultur hingezogen und schrieb über das vom Christentum "durchseuchte" und das "verchristete" Europa. Sie bekannte ihre "ruhige Gottlosigkeit", ihre "natürliche Gott- und Pietätlosigkeit". Sie schrieb in dem jetzt vom Einstampfen bedrohten Buch: "Ich glaube nicht an die Lehren unserer Kirchen." Einer ihrer Briefschreiberinnen legt sie das Wort in die Feder: "Das Christentum (ist) ein gar tief sitzender Feind unseres Menschentums." In ihren einfühlsamen Essays über die Droste fragt sie einmal, ob diese "die große Dichterin ist, weil sie katholisch war? Und weil sie so fromm und so brav und ohne entwürdigende Leidenschaft‘ ihr stilles Leben lebte?" Und Harriet Straub antwortet: "Wie groß muß ihre innere Macht gewesen sein, daß sie trotz alledem so machtvoll gestalten konnte." Nach einem örtlichen Skandal trat Harriet Straub aus der Kirche aus; es ist durch einen Brief Fritz Mauthners an Gerhart Hauptmann bezeugt.

Nein, Harriet Straubs Denken ist doch wohl Herbert Burkhardts Sache nicht. Der habilitierte Germanist Ludger Lütkehaus nennt den Hobby-Literaten Burkhardt einen "gutkatholischen Prokrustes". Harriet Straub lasse sich auch beim schlechtesten Willen nicht in ein solches Weltbild einpassen. Der literarisch versierte Journalist sah hier keine adäquate und kongeniale Edition heranreifen. Damit könnte er recht haben.

Also wurden Lütkehaus und der Kore-Verlag aktiv. Kurz nachdem Burkhardt die Rechte geschenkt bekam, erschienen bei Kore Harriet Straubs "Zerrissene Briefe", eine Auswahl des namensgleichen Werkes von 1913, mit einem Nachwort von Lütkehaus. Burkhardt, der zuvor zwischen Mitarbeit und Verweigerung geschwankt hatte, war wütend, ließ sich aber nach einer lauten Szene bei Traute Hensch bewegen, dem hübschen Bändchen nachträglich sein widerwilliges Plazet zu geben. Er hatte offensichtlich vor, seine ganzen Schätze dem Kore-Verlag anzuvertrauen, wollte aber den überlegenen Lütkehaus nicht als Editor haben. Doch Lütkehaus, in Harriet Straubs Texte vertieft, plante mit Kore bereits eine weitere Edition, eben das nun zu Makulatur verdammte Buch "Wüstenabenteuer, Frauenleben".

Etwas blauäugig bestätigten sich Hensch und Lütkehaus gegenseitig in der Ansicht, die Rechte der erstmalig gesammelten Texte lägen bei den Zeitungen, in denen sie zwischen 1914 und 1932 erschienen waren. Sie klärten nicht, sondern druckten. Das aber besonders schön und wieder mit einem erhellenden und gekonnten Nachwort von Ludger Lütkehaus.

Dieses zweite Mal war der Amateurforscher Burkhardt jedoch zur Härte entschlossen. Zwar konnte er in einem langen Gespräch mit dem Chronisten seine Pläne einer Gesamtausgabe nicht konkretisieren, wußte weder einen Verlag, noch einen Zeitpunkt, noch die Größe der Werkausgabe zu nennen; auch konnte er die lange Zeit, in der das Projekt nun schon schmorte, nicht recht erklären. Aber er bewertete die Kore-Publikation als puren Urheberrechtsbruch, als "Resteverwertung", als hinterhältige Gemeinheit: Die wollten ihm sein Projekt verderben.

Burkhardt klagte auf Offenlegung, Vertriebsverbot, Einstampfen, Schadenersatz. Mit Erfolg, wie sich zeigte, denn er hatte das Urheberrecht.

Mit Mißbehagen verfolgt Felicitas Barg den Rechtsstreit. Sie wollte ja, daß die Autorin Harriet Straub gefördert und verbreitet werde. Nun erwirkte der von ihr begünstigte Herbert Burkhardt, daß eine Publikation eingestampft werden muß. "Ich bin zutiefst enttäuscht", schrieb sie an ihn, "denn ich habe nicht gedacht, daß Sie den Geist der Autorin Hedwig Mauthner-Straub so wenig zu begreifen in der Lage seien. Denn dieser Streit ... ist ganz und gar dem noblen und zurückhaltenden Geist der Autorin zuwider... Hätte ich dies alles für möglich gehalten, würde ich Ihnen das Urheberrecht nicht geschenkt haben ohne eigene Möglichkeit einzugreifen ... Ich verschenkte die Urheberrechte nicht, damit Sie die Veröffentlichung verhindern." ‚Die an Burkhardt verliehenen Photos von Harriet Straub, die in dem Vertrag von 1989 nicht erwähnt sind, verlangte die alte Dame energisch zurück.

Die Mannheimer Richter haben den Hintergrund der Causa und den Widersinn ihrer Entscheidung nicht erwogen. In dem lapidaren, auf nur zwei Seiten begründeten Urteil lassen sie korrekt nach den Buchstaben des Urheberrechts den Kläger obsiegen. Eine Abwägung darüber, daß nun der Text einer Autorin vernichtet wird, die immerhin durch das Urheberrecht geschützt sein sollte, ist in der Entscheidung nicht zu erkennen.

Der Rechtserwerb war kostenlos. Der Erwerber kann möglicherweise keine angemessene Edition leisten. Sie ist auch höchst vage geplant. Burkhardt verniedlicht, katholisiert und provinzialisiert die Autorin Harriet Straub. Der Kläger hat außerdem vor dem Übergang der Rechte seinerseits das Urheberrecht der Felicitas Barg rücksichtslos mißachtet. Dies alles hat das Gericht kaltgelassen. Das Buch der Harriet Straub fällt dem strikten Urheberrecht zum Opfer, den Paragraphen 2, 97 und 98.