Von Carl-Christian Kaiser

Um halb sechs schwebte der Gongschlag durchs Haus. Eine sanfte Art, aber eine barbarische Zeit, kurz nach Mitternacht. Dann kam die Katze. Der Gong war das Signal für das Ende ihrer nächtlichen Streifzüge und die Rückkehr ins Haus, durch mein offenes Fenster. Anfangs gab es eine flüchtige, dann eine freundliche, schließlich eine herzliche Begrüßung. Als die Katze einmal ausblieb, war ich beunruhigt. Da hatte ich schon gelernt, auf die kleinen Sensationen zu achten und daraus ein Morgenritual zu basteln: Auf die Katzenbegrüßung folgte der Blick auf die fernen, immer anders konturierten Kämme des Westerwalds – ein Blick auf die Außenwelt, bevor wir uns meditierend nach innen kehrten. Am Ende war die grausam frühe Zeit ein Erlebnis.

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Auch die Stille hat mir bei der Reise zu uns selber anfangs Schwierigkeiten gemacht. Nicht nur, daß wir täglich neun Stunden meditierten. Auch nicht nur, daß wir zwei Schweigetage einlegten. Nein, auch beim Essen wurde geschwiegen und möglichst auch in den Pausen. Wenn zum Beispiel Walter, in der Meditation schon fortgeschritten, während der ganzen Woche fünfhundert Wörter gesprochen hat, dann war das viel. Wir Anfänger behalfen uns mit der Augensprache und mit Lächeln. Das war eine friedliche Kommunikation. Doch zuerst machte mich die Ruhe fast aggressiv, obwohl doch alle so sanft und freundlich waren. Wie eine zerstrittene Familie, so schien mir, hockten wir stumm vor unseren Tellern. Es dauerte, bis die Ruhe allmählich einsickerte. Kassapa wußte das natürlich. "Ein jeder bemühe sich um eine Haltung der inneren Stille und des Schweigens", hatte er unter den Tagesplan geschrieben.

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Kassapa. Da hatte die Phantasie mir einen Streich gespielt, und was für einen. Er sei zwanzig Jahre buddhistischer Mönch gewesen und habe seine Schulung in Burma und in Sri Lanka erhalten, teilte das Kursheft mit. Doch der am ersten Abend unter uns aufstand, war kein Mönch, schon gar nicht in einem Mönchsgewand, sondern ein in Thermohosen, ausgeleiertem Pullover und Buschhemd gekleideter Wanderer oder freundlicher Handwerksmeister, nicht zierlich wie ein Asiate, sondern von kräftiger Statur. Und sein Idiom war so rheinisch wie nur irgend denkbar.

Kassapa, das konnte ich aus ihm herausbringen, hatte mit einer kaufmännischen Lehre und einem Kunststudium nicht viel anfangen können. Sinnfragen, erzählte er, hätten ihn mehr beschäftigt, im Gefolge des letzten Weltkriegs. Als Dreißiger ging er nach Rangun, später nach Sri Lanka zu strengen Lehrmeistern. Jetzt ist er Anfang Sechzig und lebt von Arbeitslosengeld und etwas Zuverdienst durch Meditationskurse. Was Kassapa, Betonung auf der ersten Silbe, heißt, konnte oder mochte er nicht sagen; ich weiß nicht, warum. Später fand ich in einem schlauen Buch"Kāśyapa = Schüler Buddhas". Wirklich ein Buddhist und ein richtiger Mönch? Das mochte ich am ersten Abend gar nicht glauben.