Von Andreas Isenschmid

Einer kriegt die Bibel in die Finger. Was sieht er? "Weniger die heilige Seite als den Stoff, der durch heiße Reportage und leidenschaftliches Experimentieren effektvoll umgesetzt werden konnte." Und an Effekten soll’s nicht fehlen – bis hin zu einem "persönlichen Gespräch mit Adam: ein echtes Interview. Dabei wird er vom Evangelisten Johannes assistiert, dem Autor der Apokalypse." Und Adam wird, technische Effekte noch und noch, "seinen plötzlichen Wunsch, sich zu äußern, mit einem Lichtzeichen signalisieren". Die Bibel wird zum "wahren kinetischen Ballett" mit "allen Arten von Lichtfiguren und Tänzen".

Wo sind wir? Ist die Heilige Schrift in die Hände eines Hollywood-Tycoons geraten? Ist Steven Spielberg am Werk? Nein. Wir sind im Allerheiligsten der europäischen Kultur. Am Werk ist kein andrer als – Dante Alighieri. Wer die "heiße" Szene, Dantes Gespräch über die Zeiten mit Adam, nachlesen will: Sie spielt im 26. Gesang des "Paradieses" der "Göttlichen Komödie". Und der phantastische, doch, wenn man nachprüft, zugleich überaus akkurate Blick auf Dantes Umgang mit dem biblischen Stoff findet sich in Ossip Mandelstams "Gespräch über Dante".

"Gespräch über Dante" ist der schönste und bedeutendste Essay des russischen Lyrikers. Ein Schlüsseltext: ein Augen- und Sinnenöffner, das offenkundige ästhetische und das verborgene politische Testament Ossip Mandelstams zugleich, ein Klassiker der europäischen Poetik.

Im Dante-Essay kulminieren Mandelstams Reflexionen über das Wort, die Politik und die Dichtung. Und dank der wunderschönen zweibändigen Essay-Ausgabe Ralph Dutlis im Ammann Verlag, einem verlegerischen Ereignis, wenn je dies Wort Sinn macht, kann nun auch das deutsche Publikum die Entwicklung dieser Reflexionen mitverfolgen. Es ist, als wäre ein Kontinent aufgetaucht. Ich habe selten Essays gelesen, die mich intellektuell wie ästhetisch, sagen wir’s so schlicht wie wahr, derart glücklich gemacht haben.

Ich kenne, was das Intellektuelle betrifft, kein Essay-CEevre, in dem der Konflikt zwischen Dichtung und Revolution so tiefgründig und verzweifelt (und um so verzweifelter, je erbarmungsloser die Stalinsche Politik wird) ausgetragen worden ist. Und ich kenne zugleich (außer dem Prousts) kein Werk, in dem das Thema, das im ersten Viertel dieses Jahrhunderts mit Macht in alle Künste und Wissenschaften dringt, das Thema der Zeit, so hell leuchtet.

Von allem Anfang an nämlich, seit den Essays, die der 22 Jahre alte Mandelstam 1913 schreibt, sind diese Reflexionen über das Verhältnis von Dichtung und Zeit zugleich ästhetisch, politisch und existentiell. Sie sind Zeugnisse ästhetischen Nachdenkens im politischen Strudel der Russischen Revolution. Sie sind Zeugnisse einer Suche nach dem Ort Rußlands im "europäischen Haus", wie man wohl heute sagen würde, und nach dem Ort Ossip Mandelstams in der russischen Kultur. Von Anfang an meinen sie aber auch mit "Zeit" Mandelstams Gegenwart, die Zeit der Politik und Geschichte so gut wie die im dichterischen Wort gespeicherte poetische Zeit und sehr bald die Russische Revolution so gut wie Proust und Puschkin.