Die Einladung im Briefkasten hatte was Geheimnisvolles: "10 Jahre ITC in Berlin! Große Überraschungsveranstaltung! Eintritt nur für Personen über 18 Jahre!"

Ich vermute anrüchigen Stoff für ein Feuilleton, wenngleich der vormittägliche Termin die Erwartungen einschränkt. Dennoch zieht es mich in die normgebaute Ladenpassage in Nähe der Bundesallee, wo hinter großen Scheiben ein spärliches Publikum vor Streuselkuchen sitzt; mit mir sind wir dreizehn. Ich erkenne einige Rentner aus meiner Straße, die Einladungen sind also stadtviertelweise verteilt worden, die ITC arbeitet sich strategisch durch den neuen Osten. Sie ist die Internationale Textil Company und will nichts anderes als Wolldecken, Wollkissen und Wollmatratzen verkaufen. Die Company ist sehr unzufrieden heute: Die beiden Empfangsdamen weisen mit allen Anzeichen persönlicher Kränkung auf die leeren Stühle, und der dynamische Jungverkäufer, der hereinfegt, daß die Bundfaltenhose flattert, kräuselt verächtlich die Lippen angesichts des kläglichen Häufchens. Aber, so muntert er sich und uns gleich auf, das habe den Vorteil der familiären Nähe und sei gewiß nur den letzten Urlaubstagen zuzuschreiben.

Meine erste Verkaufsveranstaltung. Andere waren schon öfter da, und der schwungvolle Moderator behauptet, die beiden alten Frauen mit den schütteren Dutts wiederzuerkennen. Drei von uns haben schon solche Wolldecken und wollen sich nie wieder anders zudecken. Sagen sie auf Anfrage. Der junge Mann macht seine Sache gut. Wie ein Liebling aller Schwiegermütter zeigt er lächelnd die Zähne und Grübchen. Er entwirft einen pointierten Abriß der Geschichte der Zudecken und gibt sich als Gegner der Federn und Daunen zu erkennen. Immerzu stellt er Fragen, lauscht mit geneigtem Kopf, lobt die richtige Antwort. Sogar das eigene Zudeckverhalten offenbart er uns, bei dem ihm früher, in seinem ersten Leben vor der Wolldecke, immer ein Bein rausgeguckt habe: "Weil sich der Körper gegen die ungeregelte Wärmezufuhr wehrt!" Mit kleinen Scherzen provoziert er kleine Gluckser und mit gesenkter Stimme unser aller Entsetzen über alte Bettgewohnheiten. Er trägt die originale Decke leicht auf ausgestrecktem Arm durch den Raum und krümmt sich anschließend unter der Last der schlechten Kopie eines Konkurrenten, die er zerdrückt unter einem Regal hervorzieht und gleich darauf auch noch anzündet: damit wir den Kunststoffanteil riechen. Das kritisierte Objekt hat schon lauter Brandflecken.

Auch Kopfkissen fremder Firmen beuteln und sacken neben dem ITC-Produkt zusammen. Eine Frage nach dem Pflegen der Decken beantwortet er mit geschmeidigen Armbeugen, was die Verteilung neuen Wollfetts auf der Oberfläche veranschaulichen soll: alles keine Mühe, das reine Vergnügen, diese Decke muß nie gewaschen werden. Da sehen sich die Hausfrauen unter den Besuchern das erste Mal skeptisch an. Der Moderator geht zum besten Stück über, zur Matratze, und bittet zum Probeliegen. Ein Mann steigt auf einen Stuhl, klettert auf die Matratze auf dem Tisch und liegt da wie ein Brett, Hände an der Hosennaht. "Wie heißen Sie denn?" fragt der Moderator. "Struck!" sagt der Mann. "Prima!" sagt der Moderator und der Mann klettert wieder runter.

Die Gangart verändert sich, die Stimme steigt, Satzkaskaden nähern sich nach einer Stunde dem Geheimnis der Preise. Der Moderator erinnert an das Glücksradin Sat 1; diesen Wolldeckenborn als Sonderpreis kennen die Leute. Die 5000 Mark, die dort im Fernsehen genannt werden, wischt er beiseite – doch nicht hier, doch nicht bei ihm, doch nicht bei diesen netten Leuten. Ein kompletter Satz kostet bei ihm, ohne Matratze, nicht 2500 Mark, auch nicht 1500 Mark – so geht es die Hunderter abwärts, bis er bei 799 Mark und 50 Pfennig landet. "Komplett!" jubelt er. Und eine Fußdecke dazu mit Hündchen-Motiv. Und vier Töpfe. Und – "Aber das gibt’s nur heute, das kommt von mir ganz persönlich!" – ein Keramikset. Er setzt sich an die Kasse.

Nun sind wir dran. Durchaus unter Druck. Der Moderator raucht im Eckchen, seine beiden Helferinnen gehen mit beschwörendem Blick von Tisch zu Tisch, verlangen Erklärungen. Ein Ehepaar richtet die Augen zur Decke; drei Damen sagen, sie hätten schon gekauft, und sind damit aus dem Schneider. Nach langem Gerede erwerben eine Familie und eine weitere Dame das komplette Angebot. In affenartiger Geschwindigkeit räumen die Helferinnen Kaffee und Kuchen ab, der Investition müde. Der Moderator muß zur nächsten Veranstaltung und verläßt mit Zornesfalten auf der Stirn die knickrige Runde. Die folgt nur noch mit halbem Ohr dem Vortrag eines Stellvertreters. Wollauflagen mit Magnetstreifen bietet er an; man kann sie auf den Stuhl legen, von wo aus sie dann den Körper und den Geist entspannen, zu Gedanken anregen sollen. Aber das Publikum hat genug. Jetzt will es nur noch die kostenlosen Andenken und zieht mit drei Plasteschüsseln oder einem Satz Messer davon.

Übrigens: Den Stuhlaufleger habe ich gekauft; dies ist der erste Artikel, den ich auf Schafwolle mit Magnetstreifen sitzend schreibe. Merken Sie was? Regine Sylvester