Von Marion Gräfin Dönhoff

Gibt es eine Möglichkeit, den Bürgerkrieg in Kroatien zu stoppen, bei dem die jugoslawische Volksarmee und die kroatische Nationalgarde, serbische Freischärler und kroatische Milizen miteinander ringen und wo bewaffnete Zivilisten beider Seiten kreuz und quer in Dörfern und Städten aufeinander schießen? In diesem Bürgerkrieg wird kein politischer Befehl mehr respektiert, ja nicht einmal die militärischen Befehlsstränge funktionieren noch. Die Order des jugoslawischen Präsidenten und Oberbefehlshabers Stipe Mesić an die Bundesarmee, in die Kasernen zurückzukehren, verwehte im Winde. Ehrgeizige Generäle, örtliche Kommandanten und kriegerische Feudalherren führen das Kommando.

Nein, die Möglichkeit, von außen auf dieses Chaos einzuwirken, gibt es nicht. Nicht einmal die Erklärung aller jugoslawischen Teilnehmer, abgegeben auf der Sonderkonferenz in Den Haag, sie würden eine friedliche Lösung des Konflikts suchen und Grenzen nicht ohne Verhandlungen verändern, kann man ernst nehmen. Denn bei der gleichen Gelegenheit forderte Slobodan Milošević von Kroatien die Herausgabe der serbisch besiedelten Gebiete, während Franjo Tudjman schwor, es werde kein Zoll kroatischen Gebiets abgegeben. Im übrigen beschuldigten die beiden Präsidenten einander des "Staatsterrorismus".

Ungeachtet dieser unübersichtlichen Lage mehren sich die Stimmen auch bei uns, die ungeduldig die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens fordern. Sie bezeichnen das Zögern als Feigheit und stempeln die Ablehnung zur Sünde wider die Menschlichkeit. Als ob eine diplomatische Anerkennung – und mehr könnte es ja in keinem Fall sein – das unglückliche Land dem Frieden auch nur um einen Schritt näher brächte.

Mit Gewißheit läßt sich doch nur eine Folge voraussehen: daß die Kroaten erwarten, nun würden ihnen jene Staaten, von denen sie anerkannt werden, militärische Unterstützung gewähren oder ihnen wenigstens ausreichend Waffen liefern. Keiner in Zagreb oder Ljubljana könnte sich vorstellen, daß monatelang um Anerkennung genügen wird, aber nichts sich ändert, wenn sie endlich ausgesprochen ist. Das wäre so, als würde einem Ertrinkenden eine lose Leine zugeworfen, an der niemand zieht.

Man muß sich einmal erinnern, was bereits alles unternommen wurde, um den immer weiter eskalierenden Krieg zu stoppen. Minister und hohe Beamte der EG sind in Friedensmission nach Belgrad entsandt, Beobachter aus der Gemeinschaft in Slowenien und Kroatien postiert worden. Nach vier vergeblichen Vermittlungsversuchen der EG-Außenminister tagte im Juli die KSZE in Prag, um über gemeinsame Aktionen zu beraten. Der Papst rief zum Frieden auf, Kohl und Mitterrand zum Dialog. Die EG stieß diverse Drohungen aus, und schon in der vergangenen Woche fand auf deutsche Anregung eine Sondersitzung der zwölf EG-Außenminister in Den Haag statt. Soeben war Lord Carrington im Kriegsgebiet, um Gespräche mit Vertretern beider Parteien und der Bundesarmee zu führen; er vermittelte dort einen weiteren Waffenstillstand. Und jetzt diskutiert die WEU über die Entsendung einer multinationalen, bewaffneten Eingreiftruppe.

Man kann nur hoffen, daß die Engländer, die in diesem Jahrhundert vielerlei Erfahrungen mit ethnischem Aufbegehren und nationalen Aufständen in fernen Ländern gemacht haben, sich mit ihrem Skeptizismus durchsetzen. In einem contingency paper haben die Briten errechnet, daß 30 000 Soldaten notwendig wären, um die Kämpfenden zu trennen – und noch weit mehr, wenn das Geschehen sich auf Bosnien und Herzegowina ausweiten sollte. Es wäre Wahnsinn, sich aus freien Stücken militärisch in dieses balkanische Chaos einzumischen. Heller Wahnsinn.