Der Traum war schön. Ende der achtziger Jahre versprachen die Politiker Wunderbares für das Gesundheitssystem. Eine neue, bessere Ordnung würde kommen. Das Ende der Kostenexplosion sei nahe, die Beiträge könnten sogar sinken. All dies würde die Gesundheitsreform möglich machen. Der Traum war kurz, gestört schon lange, jetzt gab es ein böses Erwachen: Die Reform wird reformiert, ihre Untauglichkeit ist nun auch offiziell eingestanden.

Ausgerechnet das Kernstück erwies sich als zu weich. Mit sogenannten Festbeträgen sollten die Arzneimittelpreise an die Kette gelegt werden. Achtzig Prozent des Marktes waren im Visier, bislang wurden aber nur dreißig Prozent erfaßt, vor allem weil die Kassenärzte eine Blockadepolitik verfolgten. Den Schaden haben die Patienten.

Bislang müssen sie für alle Medikamente ohne Festbetrag drei Mark aus eigener Tasche bezahlen. Vom 1. Januar 1992 an sollten es bis zu fünfzehn Mark sein. Dies wäre erträglich gewesen, wenn es tatsächlich für den größten und wichtigsten Teil des Marktes Festbeträge gegeben hätte. So aber mußte die Koalition aus sozialen Erwägungen eingreifen. Der Eigenanteil wurde in der vergangenen Woche auf höchstens zehn Mark verringert.

Bundesgesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt (CSU) wollte es noch für einige Jahre bei drei Mark belassen. Aber die FDP spielte nicht mit. So bleiben die Patienten die Dummen. Denn auch zehn Mark sind happig, vor allem für chronisch Kranke und Alte, die oft mehrere Medikamente gleichzeitig brauchen. Zudem haben vor allem teure und innovative Arzneimittel keinen Festbetrag, während zum Beispiel therapeutisch umstrittene Durchblutungsförderer kostenfrei abgegeben werden. Die Festbetragsregel ist zum gesundheitspolitischen Unsinn verkommen.

Nun zahlen die Patienten drauf, obwohl die Gesundheitsreform vor allem ihnen zugute kommen sollte. Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, damals für die Krankenversicherung zuständig, hatte sinkende Beiträge versprochen. Tatsächlich durfte er sich zunächst als Wohltäter fühlen – zwei Jahre lang. Mittlerweile zeigt der Kostenpfeil wieder nach oben. Die Ausgaben der Krankenkassen sind im ersten Halbjahr um gut neun Prozent gestiegen, die Einnahmen gerade um knapp fünf Prozent. Zum Jahresende könnte sich allein in Westdeutschland das Defizit bis auf neun Milliarden Mark auftürmen. Schon nächstes Jahr wollen einige Krankenkassen die Beiträge anheben, die anderen werden 1993 folgen.

Die Gesundheitsreform, als "Jahrhundertwerk" angekündigt, hat doch nur das Format kleinmütiger Tagespolitik. Blüm und seine Helfer sind gescheitert, sie haben ihren Meister gefunden. Das Gesundheitssystem, ein gieriger Krake mit vielen Armen, hat sich nicht stutzen lassen. Hier herrscht weiterhin fast uneingeschränkt eine große Koalition der Unvernunft.

Die Ärzte sitzen an der Schlüsselstelle. Nur sie können Leistungen verschreiben. Und das tun nicht alle mit Blick auf die Kosten. Seitdem die Festbeträge keine beliebige Preisexpansion bei manchen Arzneien mehr zulassen, verschreiben Mediziner plötzlich mehr und größere Packungen. Das sichert der Pharmaindustrie den Umsatz. Zwischen vielen Ärzten und Pillenherstellern gibt es allzu enge Verbindungen, die regelmäßig bei gemeinsamen Seminaren in angenehmster Umgebung gepflegt werden. Verschreibungswütige Ärzte lassen sich am besten mit Richtgrößen zügeln; diese Mengenbeschränkungen sind sogar im Gesundheitsreformgesetz vorgesehen, wurden bislang aber kaum durchgesetzt. Die sogenannte Honorardeckelung, der bislang einzige Anker gegen den flotten Gewinnkurs der Ärzte, wollen die Ersatzkassen nun aufweichen.