Noch immer hat es Sinn, verschüttete demokratische und pazifistische Traditionen der deutschen Geschichte bewußtzumachen. Das gilt auch für die Biographie Auguste Kirchhoffs (1867-1940), einer längst in Vergessenheit geratenen Pazifistin, deren für ihre Zeit ungewöhnliches Lebenswerk jetzt von einer ihrer Enkelinnen bekanntgemacht wird.

Mut, Überzeugungstreue und Willensstärke gehörten dazu, wenn die durch Heirat mit einem hochgestellten Vertreter der bremischen Justiz und späteren Senator nach Bremen gelangte rheinische Exkatholikin Auguste Kirchhoff sich um die Jahrhundertwende Betätigungen zuwandte, die in der bürgerlichen Gesellschaft der Hansestadt nur unwilliges Stirnrunzeln auslösten. Die Bemühungen um eine Verbesserung der sozialen Lage lediger Mütter, die Hinwendung zum radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung, schließlich, seit Beginn des Ersten Weltkrieges, zur Friedensbewegung markierten den politisch gefährdeten Weg dieser Frau in großbürgerlichem Milieu. Die Novemberrevolution von 1918 erlebte sie als Befreiung, die Wende um 1933 als eine persönliche Niederlage.

In Henriette Wottrichs Darstellung entsteht das Portrait einer ihre sozialen, politischen und pazifistischen Ziele rastlos und selbstlos verfolgenden Frau, die auf Kongressen im In- und Ausland auftritt, Vorträge übernimmt, Versammlungen leitet, zahlreiche journalistische Arbeiten veröffentlicht, als Schöffin wirkt und dennoch Zeit findet für die Betätigung ihres musikalischen Talents, auch für vielfältige Verpflichtungen, die sich aus der beruflichen Stellung ihres Mannes ergeben, und die sich mit großer Hingabe ihrer Familie, besonders der Erziehung ihrer fünf Kinder, widmet. Die Autorin hat keine – von Familienrücksichten bestimmte – geschönte Biographie ihrer Großmutter vorgelegt, sondern macht uns mit dem Leben einer Kämpferin vertraut, das gerade wegen mancher Widersprüche anrührt und beeindruckt. Karl Holl

  • Henriette Wottrich:

Auguste Kirchhoff

Eine Biographie;

Donat Verlag, Bremen 1990; 255 S., 28,– DM