Von Raimund Hoghe

Im Jahr 1963 breitete der Photograph Stefan Moses zum ersten Mal das graue Tuch aus, auf das er Menschen stellte, denen er bei seinen Reisen durch Westdeutschland begegnete: Arbeiter in Bochum, Essen und Remscheid; eine Bauernfamilie in Saulgau; Porzellanverkäuferinnen in München; ein altes Hochzeitspaar, Straßenbahnschaffnerinnen und einen Losverkäufer in Köln; Straßenfeger, Pfannenputzer und eine Cafehaus-Serviererin in Berlin; einen Begräbnisbeamten 1. Klasse in Hamburg und Krabbenfischer in Travemünde; ein Mannequin in Düseidorf und einen Rentner in Dachau – namenlose Deutsche, die keine Geschichte machten und deren Gesichter und Haltungen doch Geschichte spiegeln konnten, weil da einer war, der sie ganz einfach aufnahm: auf einem Filztuch, sechs Meter breit, fünf Meter hoch, lose gespannt, ein Tuch, das die Umgebung der Personen verhüllte und etwas anderes sichtbar werden ließ.

"Nur wer ohne Furcht lebt, ist frei. Aber ich kenne keinen Menschen, der nicht irgendeine Tür verschließt", sagt eine Fischfachverarbeiterin aus Warnemünde, die Stefan Moses knapp drei Jahrzehnte nach seinen berühmt gewordenen Deutschen-Portraits photographierte. Schon lange habe er diese Arbeit fortführen wollen, sagt er. Doch seine Anträge, Deutsche in der DDR zu photographieren, sind immer wieder abgelehnt worden. Erst nach dem Fall der Mauer konnte er sein Deutschen-Bild erweitern, den Kreis schließen. "Damit die Gemeinsamkeiten sichtbar werden", habe er noch einmal mit dem grauen Tuch gearbeitet. Und wie damals durch die BRD fuhr er jetzt mit diesem magischen Stück Stoff durch die DDR, in Großstädte und in die Provinz, zu unbekannten Deutschen und, anders als in den sechziger Jahren, auch zu prominenten, konfrontierte sie mit seinem Tuch, das sich nun auf manchen Bildern fast aufzulösen scheint, "nur noch Zitat ist", kaum noch verhüllt. Sichtbar bleiben das Wohnzimmer mit dem Vogelkäfig, die Straßenecke mit der Eckkneipe und den heruntergelassenen Jalousien, das ehemalige Stasi-Gebäude in Leipzig und manchmal ein Stück Wald – sichtbar wie die Gefühle der Menschen, ihre Irritationen, Brüche, Unsicherheiten. "Gefühle des Endes und des Anfangs zugleich: eine leise Trauer und eine halblaute Freude", so Wolfgang Thierse über seine Gefühle zum 3. Oktober 1990, Gefühle nicht nur eines (Vereinigungs-)Tages.

Als 1980 Stefan Moses’ Buch "Deutsche – Porträts der sechziger Jahre" erschien, schrieb ein Kritiker: "Die Gesichter der Deutschen der frühen sechziger Jahre – die sind unwiederholbar." Die jetzt aufgenommenen Photos widerlegen das. Verbindungen werden sichtbar, die zeitliche und räumliche Grenzen überwinden. Stefan Moses: "Bei all diesen neu entstandenen Deutschen-Portraits‘ fällt mir auf, wie nah die Gesichter und Bewegungen der Menschen aus den frühen Sechzigern sind, die ich damals im ‚Westen‘ besuchte." Nachzuvollziehen ist seine Entdeckung nicht zuletzt bei den Portraits der sogenannten einfachen Leute, in den Gesichtern und Haltungen der Frauen und Männer aus Berlin und Rostock, Cottbus und Weimar, in denen sich Enttäuschungen und Sehnsüchte, Lebenskraft und Verletzungen, Humor und Melancholie spiegeln – und nicht selten auch eine Nähe zwischen den Menschen, die auf den Betrachter aus dem Westen fast schon exotisch wirkt und wie aus einer anderen Zeit. Moses zeigt, daß sie möglich ist. "Menschen müssen einander verstehen, müssen aufeinander zugehen", notiert er in einem Brief. In einem Text von Heiner Müller heißt es: "Reiben wir unsre Felle aneinander."

Die Ausstellung "Abschied und Anfang, Ostdeutsche Porträts 1989/90" des Deutschen Historischen Museums ist im Zeughaus Unter den Linden vom 23. September bis 26. November zu sehen. Katalog: ca. 240 Seiten mit ca. 260 Abbildungen, 32 Mark.