Auch wenn die Täter bekannt sind, bleiben sie oftmals unbehelligt

Von Roland Kirbach

Im Büro von Bernd Mesovic hängt eine Landkarte der ehemaligen DDR. Darauf verteilt sind drei Dutzend farbige Knöpfe, besonders viele in Sachsen und Thüringen. Mesovic markiert damit die Orte, in denen Unterkünfte von Asylbewerbern überfallen worden sind. "Die Karte ist aber nicht vollständig", sagt er, "mir sind die Knöpfe ausgegangen."

Bernd Mesovic ist Flüchtlingsberater der Arbeiterwohlfahrt im Bezirk Hessen-Süd in Frankfurt. Alle paar Tage ergänzt er auch seine Liste bekanntgewordener Angriffe auf Asylbewerber im Osten. Sieben Schreibmaschinenseiten, eng beschrieben, umfaßt die Chronologie. Mesovic glaubt, daß seine Liste höchst unvollständig ist. Nur die in den Medien genannten Fälle, die durch offizielle Stellen oder gleichlautende Aussagen von mehreren Flüchtlingen bestätigt wurden, hat er aufgenommen. Aber längst nicht alle Überfälle werden vermeldet. Nicht enthalten in der Liste ist auch jener "Alltagsrassismus", wie Mesovic es nennt, der sich in Aggressionen gegen Ausländer auf offener Straße Luft macht.

Mesovics Liste beginnt mit dem 23. Februar dieses Jahres. Gegen ein Uhr in jener Samstag Nacht überfielen rund zwanzig Jugendliche das Heim für Asylbewerber in Leisnig, einer Kleinstadt zwischen Leipzig und Dresden. Bewaffnet mit Zaunpfählen, Eisenstangen und Spaten zerschlugen sie die Fensterscheiben, drangen in die Räume ein und verwüsteten die Einrichtung. Die etwa sechzig Asylbewerber wurden im Schlaf überrascht; einige erlitten schwere Schnittverletzungen durch Glassplitter, andere durch Messerstiche. Zwei Inder mußten ins Leisniger Krankenhaus gebracht werden; die anderen Asylbewerber wurden in eine andere sächsische Stadt verlegt. Doch in Sachsen wollten sie nicht bleiben; sie flüchteten zurück in den Westen, die meisten nach Schwalbach in die hessische Gemeinschaftsunterkunft für ausländische Flüchtlinge, wo sie seinerzeit auch ihren Asylantrag gestellt hatten.

Kaum eine Woche vergeht inzwischen, in der nicht Asylbewerber aus dem Osten in den Westen zurückfliehen, weil sie um ihr Leben bangen. In der Zentralen Aufnahmestelle Hessen (ZÄH) in Gießen trafen vor kurzem sechs Familien – zwölf Erwachsene und 23 Kinder – ein, die in ihrer Unterkunft in Würzen bei Leipzig Ende August brutal überfallen worden waren. Der Wurzener Pfarrer Karl-Heinz Maischner mietete daraufhin einen Bus und ließ sie nach Hessen zurückbringen. Sie könnten ihres Lebens in Würzen nicht mehr sicher sein, begründet der Pfarrer seinen Schritt, zumal die Täter bei dem Überfall gedroht hätten: "Wir kommen wieder, und nächstes Mal schlagen wir euch tot!"

Drei Polizisten, ein Dienstwagen