Wer die mitteleuropäische Kulturgeschichte am Orte studieren will, der darf natürlich nicht in den Metropölchen von heute suchen. Anders als in Frankreich oder England oder Rußland mit ihren unauslöschlichen Fixsternen Paris und London und Moskau hat sich in unserer Landschaft so manches verschoben. Was war, sagen wir: noch um 1500, Warschau gegen Krakau? Zürich gegen Basel oder Straßburg? München gegen Nürnberg? Hamburg gegen Lübeck? Und man mag dicke Bücher über das Berlin der Aufklärung, der Romantik, der Zwanziger Jahre wälzen – das schmale Bändchen "Literarische Führungen durch Heidelberg" (Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1991; 189 S., 29,80 DM), das der Lyriker und Romancier Michael Buselmeier jetzt verfaßt hat, enthält wohl tausend Seiten mehr an Geistesgeschichte, mehr an illustren Namen, als jede Berlin-Bibliothek anzubieten vermag.

Nur wenige mitteleuropäische Städte – vielleicht noch Prag und Wien – waren über die Jahrhunderte so kontinuierlich Schnittpunkt der verschiedensten Dichter-, Philosophen-, Wissenschaftler-Biographien wie Heidelberg. Und so sind Buselmeiers – gründlich recherchierte, spontan formulierte – Führungen durch die kleine Stadt "am Neckarstrande" (ach, Eichendorff!) mehr als eine freundliche geistestouristische Übung. Es sind Gänge durch ein vom Krieg verschont gebliebenes und nur durch die spießig-ambitionierte Sanierung der siebziger/achtziger Jahre beschädigtes kulturgeschichtliches Stadtgehäuse, in dem (so scheint es fast!) jahrhundertelang, still verborgen, beinah alles mal gedacht und studiert, geschrieben und gestritten und gastiert, kurz: einen tieferen oder flacheren Abdruck geistigen Mühens hinterlassen hat, was je die mitteleuropäische Gelehrtenrepublik bewohnte – von Sebastian Münster bis Norbert Elias, von Olympia Fulvia Morata bis Hannah Arendt, von Oswald von Wolkenstein bis Ossip Mandelstam.

Unendliche Reihe der berühmt gewordenen Heidelberger Studenten, der berühmt gewesenen Heidelberger Professoren, unendliche Reihe der prominenten Besucher! Buselmeier folgt den Heidelberger Mythen, halb sie zerpflückend, halb sie verdichtend – in skeptischer Distanz zu den Großen, zur Bande der Romantiker vor allem und zu Goethe natürlich, den hier anscheinend mehr noch als Marianne von Willemer das halbwüchsige Söhnlein des Orientalisten Paulus bezaubert hat, und mit spürbarer Sympathie stets auf der Suche nach den Verschollenen, Vergessenen: nach Johann Reuchlin oder Max Halbe oder Alfred Mombert.

Tatsächlich: eine "Kulturgeschichte im Gehen", wie es der Untertitel verspricht, für alle, die Heidelberg lieben. Und für alle, die immer noch glauben, daß ein Ort erst zur Hauptstadt gemacht werden muß, um eine geistige Metropole zu sein.

Benedikt Erenz