Von Klemens von Klemperer

Kaum eine Episode der jüngsten Geschichte Europas hat mit ihrem Schrecken einen so tiefen Einschnitt in die Geschicke des Kontinents, wenn nicht der ganzen zivilisierten Welt bedeutet wie das "Dritte Reich". Und dennoch sind wir uns noch nicht im klaren darüber, was eigentlich der Nationalsozialismus war. Vielleicht läßt sich behaupten, daß gerade dessen Zweideutigkeit, die uns im nachhinein so viel zu schaffen macht, damals zur Dynamik und Anziehungskraft der Bewegung beitrug.

Jedenfalls haben sich die Zeitgeschichtler in den letzten Jahrzehnten die Köpfe über die rechte Definition und Einschätzung des Nationalsozialismus zerbrochen. "Intentionalisten", die die Bedeutung der Person Hitlers und seiner Weltanschauung hervorheben, stehen "Strukturalisten" gegenüber, die das Gewicht überpersonaler Faktoren betonen. Mitte der achtziger Jahre entbrannte der "Historikerstreit", in dem es um die "Historisierung" des Nationalsozialismus ging und insbesondere um die Frage, ob der Holocaust in seiner Einzigartigkeit belassen werden kann und darf, oder ob er nicht doch strukturellem Vergleich – so mit dem sowjetischen Gulag – unterworfen werden muß.

Das hier zu besprechende, von Michael Prinz und Rainer Zitelmann herausgegebene Werk widmet sich einer anderen, immer noch sehr umstrittenen Frage, nämlich der nach der Ortsbestimmung des Nationalsozialismus im Rahmen der Moderne. Sicher würde heutzutage jedes Bemühen, die den Nationalsozialismus in den Bereich der Reaktion verweisende "offizielle" marxistische Faschismustheorie zu widerlegen, offene Türen einrennen. Kein ernst zu nehmender Historiker wird dem Faschismus und damit auch seiner deutschen Spielart revolutionären Gehalt und Elan absprechen können und wollen. Darum ist auch die kühne, aber allzu einseitige und überspitzte, vom italienischen Mussolini-Biographen Renzo De Felice vertretene These unannehmbar, nach der der italienische Faschismus zur Tradition der Ideen von 1789 gehöre und so einen Totalitarismus der Linken darstelle, während der Nationalsozialismus, sein Gegenstück auf der Rechten, konservativ, wenn nicht reaktionär gewesen sein solle.

Hier ist zunächst einmal zu betonen, daß beide Bewegungen, die faschistische wie die nationalsozialistische, psychologisch und ideologisch gesehen, neuartige Phänomene in der europäischen Geschichte darstellten. Ob nun der Faschismus aus der Tradition der Französischen Revolution schöpfte oder nicht: Er bedeutete genau wie der Nationalsozialismus eine Reaktion auf die Oktoberrevolution von 1917. In dieser Hinsicht waren beide Spielarten einer der Zwischenkriegszeit eigentümlichen "Revolution von rechts" (Hans Freyer).

Was nun den Nationalsozialismus betrifft, so fehlt uns zu seiner genauen Ortsbestimmung ganz einfach das präzise Vokabular. So behelfen wir uns mit Attributen wie "traditionell", "konservativ" und "revolutionär", "reaktionär" und "modernistisch" und wundern uns, daß wir das Phänomen damit nie ganz erfassen können. Der vorliegende Band setzt sich die Aufgabe, in der Konfusion der Begriffe, mit denen der Nationalsozialismus bisher identifiziert worden ist, Ordnung zu schaffen. Zweifellos gehört ein Großteil der zu Wort kommenden Autoren zu den "Jungtürken" unter den deutschen Historikern, deren "revisionistischer" Eifer schon in ihren bisherigen Arbeiten auf sich aufmerksam gemacht hat. In diesem Fall geht es darum, die unter anderem von Klaus Hildebrand und Henry A. Turner Jr. vertretene These vom gegenmodernen Gehalt des Nationalsozialismus zu widerlegen. Selbst die Position von Ralf Dahrendorf und David Schoenbaum, daß der Nationalsozialismus einer Modernisierung, wenn auch nur "wider Willen", Vorschub leistete, wird als ungenügend abgewiesen.

"Die Erfahrung des Nationalsozialismus zeigt", so schreibt Zitelmann, "daß sich Modernisierung auch in einem diktatorischen System vollziehen kann." Stalin würde einem da wohl am ehesten in den Sinn kommen, wenn auch, im Licht unserer heutigen Einsicht in den katastrophalen Stand der sowjetischen Wirtschaft und Gesellschaft, sein Beispiel kaum geeignet ist, diese Behauptung zu unterstützen. Innerhalb der NS-Hierarchie gab es Richtungskämpfe zwischen denen, die – wie Otto Strasser, Walter Darré, Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler – von einer Reagrarisierung Deutschlands träumten, und denen, die – wie Joseph Goebbels, Robert Ley, Albert Speer und Fritz Todt – der Vision einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modernisierung des Reiches nach dem Krieg anhingen. Sogar Hitler selbst, dem Zitelmann eine positive Einstellung zum technischen Fortschritt zuschreibt, machte gelegentlich rückwärtsgewandten Gedanken Luft, so als er anläßlich seines Tischgesprächs vom 9. August 1942 von "Millionen deutscher Bauern" sprach, die einst den Osten kolonisieren würden.