Berlin braucht Ideen. Oha. Jetzt hat die Stadt sogar in allen Blättern der Republik einen Wettbewerb ausgelobt. Wer für die Olympiastadt des Jahres 2000 (das soll, so meinen die Berliner, natürlich Berlin sein) einen Einfall hat, der darf denselben in einen Coupon füllen und an die "2000-Ideen-Berlin-2000-01ympia-GmbH" schicken. Es gibt auch etwas zu gewinnen. Prima.

Einer Initiative, der amnesty international und die Humanistische Union angehören, die Liga für Menschenrechte und die Aktion Sühnezeichen, die Gesellschaft für bedrohte Völker und Berlins "Aktives Museum", war übrigens schon was eingefallen. Sie wollte an der Anhalter Straße auf einem der Stadt gehörenden Baugrundstück ein "Haus der Menschenrechte" aufbauen – und zwar just gegenüber jenem Prinz-Albrecht-Gelände, auf dem einst, in der Nazizeit, das Haus der Berliner Gestapozentrale stand und später auch das Reichssicherheitshauptamt logierte, das von hier aus die Ermordung von Millionen von Menschen überall in Europa managte (siehe ZEIT Nr. 36). Anhalter Straße 8: Das sollte eine Adresse der Hoffnung werden – gegen jene andere vis-à-vis, Prinz-Albrecht-Straße 8, die zwischen 1933 und 1945 zur Adresse des unvorstellbaren Terrors geworden ist.

Es hat aber nicht sollen sein. Das baureife Grundstück hatte längst andere Begehrlichkeit auf sich gezogen. Ein Hotel, der unmittelbare Nachbar, will anbauen. Und darf das jetzt auch. So jedenfalls hat die Verordnetenversammlung des Bezirks Kreuzberg es mit einer CDU/SPD-Mehrheit verordnet. Das Konzept von amnesty et al. für das "Haus der Menschenrechte" sei noch nicht ausgereift (mag sein), die Zeit dränge (die Stadt?), der "Stuttgarter Hof" sei ein renommiertes Etablissemang, das in diesem Jahr letztmalig für seinen Ausbau noch die begehrte Berlin-Förderung abzocken könne, und so weiter und so fort. Außerdem brauche Berlin jetzt Bares und neue Hotels, und amnesty könne ja irgendwo anders ein paar Zimmer mieten.

Als ob es darum ginge! Als ob es nicht um ein politisches Zeichen geht. Doch die Stadt, der Bausenator, der Bezirk Kreuzberg und wer immer sonst da noch herumverwurstelt und -verwaltelt – sie haben’s nicht begriffen. Sie begreifen die Chance nicht, daß hier eine Institution entstehen könnte, die einmal weit über das kleine Kreuzberg, über das kleine Berlin hinaus Drehpunkt, Fluchtpunkt (in des Wortes doppelter Bedeutung) sein würde für die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen überall in der Welt, eine Lobby für die, die keine Lobby haben, eine Botschaft für die, für die kein Botschafter spricht – und nicht in Steglitz oder Köpenick, sondern hier, am Ort des Schreckens von gestern und mitten im Regierungsviertel von morgen. Und daß eine gewisse Hilfe, eine gewisse Unterstützung beim allmählichen Aufbau eines solchen Instituts eine politische Aufgabe ist, die anzunehmen der ehemaligen Terror-Welthauptstadt Germania – wie sagt man? – gut anstünde.

Nun war natürlich nicht zu erwarten, daß die notorische Berlin-Intelligenzija, die ohnehin nicht wirklich an der künftigen Gestalt und Ausstrahlung der Stadt interessiert zu sein scheint – Wiederaufbau des Schlosses und Hochhäuser am Potsdamer Platz, das reicht ja wohl! –, oder gar Berlins schlummrige Provinzpresse sich dieser Sache auch nur in irgendeiner Weise annehmen. Selbst der Ruf nach der Schirmherrschaft unseres Bundespräsidenten für dieses Projekt verhallte ungehört. U. B. schirmt statt dessen die Rembrandt-Ausstellung im Alten Museum, auch schön.

Bleibt zu hoffen (wie man so sagt), daß die Initiative jetzt den Mut nicht verliert, weiter drängelt und sich nicht mit einem Provisorium abspeisen läßt. Bleibt aber vor allem zu hoffen, daß unsere kleine Stadt an der Spree endlich merkt, daß dem Privileg, Hauptstadt zu sein, auch Pflichten entsprechen. Denn, liebe Berliner Bürgermeister), jetzt schauen die Völker der Welt, die Ihr einst rieft, möglicherweise tatsächlich mal auf diese Stadt! Benedikt Erenz