Von Gabriele Riedle

Gefährliche Berliner Pflaster: Überall freundliche Hostessen in gelben Overalls – und schon hat der harmlose Passant seinen "Button" weg. Ein gelbes Blech mit schwarzem Strich-Bärengesicht, designerisch angesiedelt zwischen Smiley und Blindenbinde, dazu ein "Berlin 2000"-Schriftzug mit schwarzrotgoldenen ineinander verschlungenen Nullenringen. Rund 350 000 solcher Buttons sollen einstimmen auf den kühnen Plan, Olympia 2000 in Berlin stattfinden zu lassen. Allerdings, die Berliner tun sich schwer. Kaum jemand, der unverzüglich in die geforderte Begeisterung für das Projekt "Olympia 2000" verfiele.

Erst im Frühsommer war eine landeseigene Berliner "Olympia GmbH" unter der Leitung des IBM-Managers Lutz Grüttke (Jahresgehalt 290 000 Mark) gegründet worden, die die Bewerbung vorbereiten soll. Ende August präsentierte der bestbezahlte Angestellte des Landes Berlin Logo und Werbekonzept der Öffentlichkeit. Und seitdem steht es praktisch täglich schlechter um die städtische Olympia-Leidenschaft. Damit sinken auch die Chancen, im Herbst 1993 vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vor Peking, Brasilia, Buenos Aires, Manchester, Mailand, Sydney und einer marokkanischen Stadt den Zuschlag für die "einmaligen Spiele, eben Jahrtausend-Spiele" (Olympia-Werber Michael Schirner) zu erhalten.

Denn vorerst sind die Spiele nur einmalig wegen der Peinlichkeiten und Pannen, mit denen bisher ihre Planung verbunden war. Es fehlen: Nachnutzungskonzepte für die zu erstellenden sportlichen Anlagen, Marketing-Konzepte, damit sich die Wirtschaft für Berlin engagieren kann, Bulletins für die IOC-Mitglieder, ausreichende Koordination zwischen Senat, Olympia-GmbH und Nationalem Olympischen Komitee (NOK). Dafür gab es allzu schnelle Treuhand-Verkäufe von benötigtem Gelände, den voreiligen Vorschlag des Olympia-Chefs, freien Eintritt zu den Spielen zu gewähren, ein Hin und Her in der Standortplanung, ungewisse Finanzierungsstrategien und eine weithin kritisierte PR-Kampagne des Düsseldorfer Werbepapstes Michael Schirner. Darin werden neben dem Bärchen-Logo unter anderem regelmäßige Taxifahrer-Briefings bei Bier und Buletten und Prämien für Eltern, die ihr Kind Olympia nennen, empfohlen. Abgesehen davon wird zur "Aufpappelung" Berlins mit dem gleichnamigen rasant wachsenden Grüngehölz geraten, obgleich Naturschützer in diesem Zusammenhang von einem eher schädlichen "Fremdkörper im heimischen Ökosystem" sprechen. Kritiker fragen sich längst, ob aus dem Schirner-Slogan "Auf die Plätze: fertig: los!" ein "Los, zurück auf die Plätze und fertig!" werden könnte. Schlagzeile der Boulevard-Zeitung BZ über Olympia-Chef Grüttke: "Feuern Sie diesen Mann, Herr Diepgen!"

Merklich kurz geriet dabei die Rückbesinnung auf die Spiele von 1936. "Im Jahr 1931 entschied das Internationale Olympische Komitee, die Olympischen Spiele für das Jahr 1936 nach Berlin zu vergeben. Diese Spiele fanden leider im Zeichen des Nationalsozialismus statt. Es gab aber auch Ermutigung gegen Rassismus und Unmenschlichkeit, als der Amerikaner Jesse Owens vier Goldmedaillen gewann und zum Liebling des Berliner Publikums wurde." Mehr steht nicht in der 166seitigen, offiziellen Hochglanzbewerbung, die der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) im März beim NOK abgegeben hat.

Auch nach der Regierungssitzentscheidung hält der CDU-SPD-Senat – entgegen all den Befürchtungen, Berlin werde an Menschen und Mietsteigerungen, Autos und Baggern, Kostenexplosion und Spekulantentum ersticken – an der Olympia-Bewerbung fest. Erst kürzlich hat der Regierende Bürgermeister die olympische Angelegenheit nicht nur zur "Chefsache", sondern zur "Nationalen Aufgabe von hohem Rang" erhoben. Bei der Abstimmung im Abgeordnetenhaus Ende letzter Woche bekräftigte Diepgen, die Stadt setze "nicht auf Platz, sondern auf Sieg". Allerdings merkte er an: "Auch das Jahr 2004 würde noch zu unserer Konzeption passen."

Gerade die Hauptstadtentscheidung, so beschwört Eberhard Diepgen, habe die Zweckmäßigkeit der Bewerbung noch deutlicher gemacht. Stadtplanung und Stadtgestaltung einerseits und die Vorbereitung der Spiele andererseits ergänzten sich geradezu ideal. Olympia habe bisher allen Städten auf der Welt einen Infrastrukturschub gegeben, der sonst kaum erreichbar sei.