Weshalb Lothar de Maizière dennoch in den Konkurs der DDR hineingezogen wurde

Von Nina Grunenberg

Friedliche Volksgewalt und das Walten des Zufalls verschlugen Lothar de Maizière in die Politik. Er war gewohnt, daß sich die Leute, besonders die im Westen, darüber wunderten. Zu den Standardsätzen aus seinem Erklärungsrepertoire für Journalisten gehörte die Zeile: "Eigentlich war Politik in meinem Leben nicht vorgesehen." Jeder glaubte ihm aufs Wort, daß ihm die Beschäftigung mit den Werken von Johann Sebastian Bach näherlag.

Den politischen Fuhrleuten in Bonn, denen er nie geheuer war, gestand er ebenso bereitwillig ein: "Vom Typ her bin ich kein Mann der ersten Reihe." Auch das konnte jeder sehen. Mit seiner Nachdenklichkeit, seinem Ernst und seiner Zurückhaltung wirkte er in Ost wie West "als Kontrastpunkt zu allem, was wir bisher von Politikern gewohnt waren" (Hans-Joachim Meyer, der letzte Wissenschaftsminister der alten DDR, in einer Laudatio auf de Maizière).

Zur handelnden Person wurde er im November 1989. Hans Modrow, der unglückliche Erbe der SED-Hinterlassenschaft, suchte damals für sein Wende-Kabinett einen Mann, der ihm den Kontakt zu den Kirchen hielt. Ursprünglich war Manfred Stolpe für diese Aufgabe vorgesehen, damals der Präsident des Konsistoriums von Berlin-Brandenburg. Als Stolpe in letzter Minute absagte, sprang de Maizière für ihn ein. So wurde er Minister für Kirchenfragen in der Modrow-Regierung. Wenn die Pflicht ruft, hat sein protestantisches Über-Ich ihn noch nie zurückgehalten. Doch im Rückblick läßt sich leicht erkennen, daß damals nicht er es war, der sich als politisches Naturtalent zu erkennen gab, sondern Manfred Stolpe. Mit der Entscheidung, sich in den Konkurs der alten DDR nicht mit hineinziehen zu lassen, hielt Stolpe sich Schaden vom Leibe.

Für die Bonner war Lothar de Maizière ein "unbeschriebenes Blatt" (Wolfgang Schäuble), als er die politische Bühne betrat. Er tauchte als Privatmann auf, dessen Lebensmittelpunkt die Familie war. Seine Fluchtburg lag in der Villa Luise am Treptower Park. In dem ehemals stattlichen Berliner Bürgerhaus aus den Gründerjahren – es freut ihn, daß die Villa Luise schon von Fontane bei der Beschreibung einer Spazierfahrt erwähnt wird – hat er 1969 zweieinhalb Zimmer gefunden, eine Wohnung im Puppenstubenformat. Mit seiner Frau Ilse zog er hier drei Töchter groß. Disziplin und Ordnung waren notgedrungen Imperative des Familienlebens,

Dürftigkeit der Verhältnisse