Von Rob Kieffer

Als ich aus der Dunkelheit der Weinkeller von Chinon wieder ans Tageslicht gelangt bin, scheint der Pflasterbelag der mittelalterlichen Gassen zu schwanken; die ohnehin schon schrägen Fassaden der aus dem 14. und 15. Jahrhundert stammenden Fachwerkhäuser kommen mir noch windschiefer vor.

Eine literarische Fährtensuche im Lande von François Rabelais, dem genialen Wortjongleur und Vater der derben Romanriesen Gargantua und Pantagruel, kann die Sinne trüben. Allein die Lektüre der satirisch-grotesken Abenteuer des ungeschlachten Riesen-Clans macht schon trunken. Weitere Vernebelung kann das allzu strikte Befolgen von Rabelais’ Philosophie auslösen: "Nicht lachen, sondern trinken ist des Menschen höchstes Gut", stellen Pantagruel und sein Kumpan Panurg fest, als sie nach einer Odyssee, die sie unter anderem zur Insel der Ignoranten und ins Reich der Quintessenz verschlagen hat, in einem Tuffsteinkeller des am Flusse Vienne gelegenen Burgstädtchens Chinon die seligmachende "Göttliche Flasche" aufstöbern.

Der fruchtige, rubinfarbene, leicht nach Veilchen duftende und kühl aufzutischende Chinon-Rotwein war nicht ohne beschwingenden Einfluß auf das Œuvre von Rabelais. "Der Wein hat das Vermögen, die Seele mit aller Wahrheit, allem Wissen und aller Weisheit zu erfüllen", konstatierte der Prediger des Genießens und der Lebenslust. Chinons Rebensaft hat seither nichts an Renommee verloren, ebensowenig sein unermüdlicher Verehrer. Eine ganze Region am Rande der Touraine, von den Flüssen Loire, Vienne und Indre eingegrenzt, hat sich den Namen Rabelaisie zugelegt.

Der Humanist, der Mönch, Arzt und Schriftsteller war, kam hier nahe Chinon zur Welt – die Literaturforscher schätzen, daß es zwischen 1483 und 1494 gewesen ist. Im Alter von fünfzehn Jahren verließ François Rabelais den heimatlichen Landstrich im Loire-Tal, um einen abenteuerlichen Lebensweg einzuschlagen. So studierte er im Kloster Latein und Griechisch, war zeitweise Sekretär eines Bischofs, sezierte trotz kirchlichen Verbots die Leichen Gehängter und zog wegen seiner weltoffenen, toleranten Schriften den Zorn der Inquisition auf sich. Obwohl er in jungen Jahren seine Heimatregion verließ, blieb er ihr immer verbunden. Sie diente ihm als Kulisse für viele der "schrecklichen und erstaunlichen Taten" des Riesen Gargantua und seines Sohnes Pantagruel.

Der zeitkritische Denker titulierte Chinon als "erste Stadt der Welt", ein Prädikat, das den Bewohnern schmeichelt. Auch wenn das Weinverkosten in Chinons kühlen Kellern zu jener Dosis Pantagruelismus verhelfen mag, die die Seele heiter stimmt, so irritiert irgendwann dennoch, daß Rabelais zu sehr zu einer touristischen Fast-food-Figur verwurstet wird. Nicht nur eine fidele Weinbruderschaft, in die schon so gestandene Probierer wie Liz Taylor oder ihr französischer Schauspielerkollege Gérard Depardieu aufgenommen wurden, schmückt sich mit Rabelais’ Namen, sondern auch ein Musikfestival, Schulen, Autoverleihfirmen, Diskotheken, Restaurants, Pfannkuchen und Erdbeertörtchen. Im Wein- und Küfermuseum plappern Puppenautomaten Rabelaissprüche nach. Selbst der lokale Radiosender, die "Stimme der Rabelaisie", sendet regelmäßig ein monotones Volkslied-Gekrächze, das "unseren lieben François" hochleben läßt.

Also raus aus der Stadt, vorbei am bronzenen Rabelais an der Uferpromenade, über die Brücke, und hineingetaucht in jene bukolische Naturszenerie des Loire-Tals, in der die douceur de vivre, der von Rabelais gehuldigte sanfte Lebensstil, zu Hause ist. Weiden und Pappeln, an denen flache Anglerkähne festgetäut sind, säumen den Lauf der Vienne. Wie weiße Inseln ragen Sandbänke aus dem Flußbett. Die Landschaft ist leicht bucklig, und die raren Waldstücke erinnern aus der Ferne an Petersilienbüschel. Schmale, kurvenreiche Straßen, auf denen sonntags die örtlichen Rennradmatadoren um den Gewinn eines Schinkens radeln, schlängeln sich an Rebenfeldern, Klatschmohnwiesen und Gemüsegärten vorbei. Wohlstand wird hier nicht protzig zur Schau gestellt. Oft verraten nur die kecken Spitzen von zierlichen Türmen oder die mit blau-grauem Schiefer gedeckten Dächer, daß sich hinter hohen Buchsbaumhecken oder Mauern aus rohbehauenem Tuffstein ein Schloß oder ein herrschaftliches Weingut verbirgt.