Wenn fünfzig Prozent der Konjunkturpolitik Psychologie sind, wie Ludwig Erhard, der erste und gewiß bedeutendste bundesdeutsche Wirtschaftsminister, behauptete, dürfte der Wende zum Besseren im deutschen Osten nur noch wenig entgegenstehen. Es sei denn, daß seine Epigonen irrtümlich Psychologie mit Optimismus gleichsetzen, und danach sieht es aus. An amtlichem Optimismus fehlt es der ostdeutschen Wirtschaft nämlich nicht, wohl aber an harten Fakten, die diese bedingungslose Hoffnungsfreude stützen.

Kein Zweifel, es gibt unübersehbare Anzeichen der Besserung. Die Auftragseingänge in der Bauwirtschaft wachsen von Monat zu Monat mit zweistelligen Raten. Die Zweige des Handwerks, die am Bau oder für den Bau arbeiten, sind besser ausgelastet als vor wenigen Monaten. Die Kurzarbeit in den Bauberufen geht zurück. In einigen Gewerben und Regionen sind Facharbeiter schon knapp – eine Folge der Abwanderung in den Westen. Eine Umfrage des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung unter 240 ostdeutschen Firmen zeigt, daß sich die Stimmung aufhellt: Vier Fünftel der befragten Unternehmen hoffen, bis zum Jahresende die Talsohle überwunden zu haben. Der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) ermittelte in einer Blitzumfrage ähnliche Ergebnisse: Die Investitionen nehmen zu, und mit ihnen wächst die Zuversicht.

Es wäre eine Katastrophe, wenn die 153 Milliarden Mark, die in diesem Jahr aus öffentlichen Mitteln in die neuen Länder gepumpt werden, nicht wenigstens diese ersten bescheidenen Wirkungen zeitigten. Der Effekt wäre eindrucksvoller, wenn das größte Hilfsprogramm der deutschen Geschichte früher gekommen und intelligenter konstruiert worden wäre, denn zwei Drittel der Gelder fließen in den Konsum und heizen so vor allem die Nachfrage nach westdeutschen Waren an; Ökonom Keynes dreht sich derweil im Grabe.

Die westdeutschen Gesundbeter der ostdeutschen Wirtschaft lassen außer acht, daß die vorerst auf wenige Sektoren begrenzte Trendwende im Osten überdies auf einem sehr niedrigen Niveau beginnt. Die Produktion der ostdeutschen Industrie hat im ersten Halbjahr 1991 nur noch ein Drittel des entsprechenden Vorjahresvolumens betragen. Auch im zweiten Halbjahr 1991 werden viele Firmen abermals die Produktion drosseln. Wenn es nicht weiter bergabgehen kann, gibt es zum Aufstieg keine Alternative. Der DIHT umschrieb den Zustand der Wirtschaft im Osten mit der hoffentlich nicht stilbildenden Metapher: "Die ostdeutsche Wirtschaft steht noch im Tunnel, aber es wird heller."

Von Aufschwung zu reden, wie es in Bonn immer wieder geschieht, ist verfrüht und zeugt von wirtschaftlichem Unverstand. Die Ökonomen pflegen erst dann von Aufschwung zu sprechen, wenn die Wirtschaft auf breiter Front wächst, dieses Wachstum fast alle Branchen erfaßt und Arbeitsplätze schafft. Davon sind die neuen Länder noch ein gutes Stück entfernt. Wenn eines Tages in Ostdeutschland mehr Arbeitsplätze entstehen als verschwinden, dann wird sich die eigentliche Trendwende vollziehen.

Höhere Produktionszahlen sind Vorboten des Aufschwungs, aber nicht der Aufschwung selbst: Zweck des Wirtschaftens ist es nicht, möglichst viele Waren herzustellen oder Dienstleistungen anzubieten, sondern Gewinne zu erzielen und jedem, der will, Arbeit, Lohn und einen guten Lebensstandard zu bieten. Für die neuen Länder bleibt Vollbeschäftigung ein ziemlich illusionäres Fernziel. Zwar sind die Realeinkommen seit 1989 je nach Bevölkerungsgruppe zwischen 28 und knapp 47 Prozent gestiegen, doch wird dieser gewachsene Wohlstand großenteils durch staatliche Transferzahlungen finanziert, wird also nicht selbst erarbeitet.

Die Chancen vieler Ostdeutscher, mit eigener Arbeit Geld zu verdienen, werden sich weiter verschlechtern. Die Treuhandanstalt will im zweiten Halbjahr 1991 aus ihren Betrieben noch 550 000 Beschäftigte entlassen. Auch außerhalb der Treuhandbetriebe ist die Entlassungswelle nicht zum Stillstand gekommen. Heute sind 3,2 Millionen Arbeitnehmer in der ehemaligen DDR ohne reguläres Arbeitseinkommen; 350 000 Pendler und etwa eine Million Übersiedler haben im Westen einen Job gefunden.

Selbst wenn das Wirtschaftswachstum schon in diesem Jahr einsetzen sollte, wird es noch etwa zwölf Monate dauern, bis davon der Arbeitsmarkt erfaßt wird. Reichlich Zeit also, um weitere Spekulationen darüber anzustellen, ob der Aufschwung schon da ist oder ob es im Tunnel etwas heller wird. Peter Christ